Die Kalfaktoren
Für alle anstehenden Arbeiten im Gefängnis bedient sich die Gestapo sogenannter Kalfaktoren. Diese verteilen Essen, leeren die Zellenkübel und reinigen Treppen und Gänge. Bereits am 22. Juli 1944 kommen aus der Prinz-Albrecht-Straße der kommunistische „Schutzhäftling” Theodor Baensch und ein weiterer Gefangener als Kalfaktoren in das Zellengefängnis. Theodor Baensch ist seit 1942 inhaftiert, erst im Zuchthaus Brandenburg, später in der Prinz-Albrecht-Straße 8 und im Zellengefängnis.
Ihnen stellt die Gestapo mehrere „Ernste Bibelforscher” (Zeugen Jehovas) aus dem KZ Sachsenhausen an die Seite. Diese widersetzen sich zwar mit aller Konsequenz der nationalsozialistische Ideologie, führen aber zugleich Anordnungen jedweder „Obrigkeit” aus, solange ihr Glaube davon nicht berührt wird. Aus diesem Grund gelten sie der Gestapo als zuverlässig und werden als Kalfaktoren eingesetzt. Zu ihnen gehört auch Gustav Daft, der seit Mai 1940 im KZ Sachsenhausen inhaftiert ist und am 29. August 1944 in das Zellengefängnis gebracht wird.
In der Folgezeit übernehmen auch andere politische Häftlinge im Zellengefängnis Kalfaktorenfunktionen. Sie sind bemüht, das Los ihrer Mitgefangenen zu erleichtern. Der Kommunist Willy Zimmerlich ist seit November 1933 inhaftiert. Am 27. Juli 1944 wird er als „Schutzhäftling” aus dem KZ Sachsenhausen kommend im Zellengefängnis als Kalfaktor eingesetzt. Unter dem Vorwand, die Verdunklungsvorhänge in den Zellen reparieren zu müssen, bietet sich ihm vielfach die Möglichkeit zu Gesprächen mit Mithäftlingen und zur Übermittlung von Nachrichten.