Paul Graf Yorck von Wartenburg
9. Juni 2002, Neureichenau
Paul Graf Yorck von Wartenburg besucht wie sein zwei Jahre jüngerer Bruder Peter die evangelische Klosterschule Roßleben in Thüringen. Er absolviert eine landwirtschaftliche Ausbildung und übernimmt als ältester Sohn die Verwaltung des Familienguts Klein-Öls. 1940 heiratet er die Schauspielerin Else Eckersberg.
Seit 1932 Mitglied der NSDAP wendet er sich nach den Mordaktionen des 30. Juni 1934 vom Nationalsozialismus ab. Er engagiert sich in der Bekennenden Kirche und gehört dem Bruderrat in Schlesien an. Eine enge Freundschaft verbindet ihn mit Friedrich Justus Perels, dem Justiziar der Bekennenden Kirche. Mehrfach versteckt Yorck auf Klein-Öls von den Nationalsozialisten verfolgte Menschen. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wird er zur Wehrmacht eingezogen und 1943 in Italien schwer verwundet.
Nachdem sein Bruder Peter am späten Abend des 20. Juli 1944 im Berliner Bendlerblock festgenommen worden ist, wird Paul Graf Yorck von Wartenburg am nächsten Tag in Marienbad festgenommen und zunächst der Teilnahme an den Umsturzplanungen verdächtigt, die ihm jedoch nicht nachgewiesen werden kann. Er bleibt dennoch in Haft. In den darauffolgenden Wochen werden auch seine Ehefrau, seine Schwestern Irene und Dorothea, seine Mutter sowie seine Schwägerin Marion in „Sippenhaft” genommen.
Nach zweimonatiger Gestapohaft in Breslau wird Yorck am 23. September 1944 in das Zellengefängnis Lehrter Straße 3 in Berlin überstellt. Am 27. Januar 1945 wird er in das KZ Sachsenhausen verlegt, wo er am 22. April von Einheiten der Roten Armee befreit wird.
Nach Kriegsende gehört er zu den Mitbegründern der CDU und ist zwischen 1954 und 1964 Konsul in Lyon.
Dank der materiellen Hilfe, die ich von meinem Zellennachbarn bekam, änderte sich mein Leben von einem Tag auf den anderen vollkommen. Durch Tricks und durch Bestechung der Wächter war es ihm gelungen, Kontakt mit mir aufzunehmen. Er besorgte mir Wäsche und Kleidung und fast täglich konnte er mir etwas zusätzliche Nahrung zukommen lassen. Er tat das aus völliger Uneigennützigkeit, da er anfangs nicht einmal wusste, wer ich war, nur weil ich Franzose war und weil er es als eine christliche Pflicht ansah, seinem Nächsten zu helfen. Später gelang es uns, direkt zueinander in Kommunikation zu treten und ich hatte ziemlich oft Gelegenheit zu Gesprächen mit ihm. Dabei erfuhr ich auch seinen Namen: Graf York von Wartenburg.
Bericht von Paul Bernard über seine Begegnung mit Paul Graf Yorck von Wartenburg im Zellengefängnis
Quelle: Robert Hervet, Une valeur humaine. Paul Bernard 1892/1960, Paris 1962.


