Hermann Pünder
3. Oktober 1976, Fulda
Der Jurist Hermann Pünder wird 1919 Regierungsrat im Reichsfinanzministerium und leitet ab 1921 das Ministerbüro. 1925 wird Pünder, der der Zentrumspartei angehört, in die Reichskanzlei berufen und steht ihr ab 1926 als Staatssekretär unter vier verschiedenen Reichskanzlern vor. 1932 übernimmt er den Posten des Regierungspräsidenten in Münster.
Im Sommer 1933 verliert Pünder sein Amt und bewirtschaftet in den folgenden Jahren einen Bauernhof am Rand von Münster. Er gründet eine Gesellschaft zur Erdölgewinnung, die ihm die Möglichkeit bietet, seine politischen Kontakte aufrechtzuerhalten. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wird Hermann Pünder zu Verwaltungstätigkeiten im Stab des Wehrkreiskommandos VI in Münster eingezogen und steht in Kontakt zu Carl Goerdeler, der ihn in seine politischen Planungen einweiht.
Am 21. Juli 1944 wird Pünder in Münster festgenommen, jedoch nach Verhören zunächst wieder entlassen. Drei Wochen später wird er erneut in Haft genommen und Ende August nach Berlin in das „Hausgefängnis” der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8 gebracht. Am 1. September wird er in das Zellengefängnis Lehrter Straße 3 eingeliefert. Seine Schwester Marianne versorgt ihn in den folgenden Monaten mit Lebensmitteln, hält durch Kassiber die Kommunikation mit ihm aufrecht und bemüht sich um seine Verteidigung.
Hermann Pünder wird am 21. Dezember vom „Volksgerichtshof” freigesprochen. Er bleibt jedoch in Haft, wird Anfang 1945 in das KZ Ravensbrück verschleppt und im Februar 1945 in das KZ Buchenwald verlegt. Für ihn beginnt in den folgenden Monaten gemeinsam mit weiteren „Sippen”- und Sonderhäftlingen eine Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager und Haftanstalten, die mit der Befreiung am Pragser Wildsee Ende April 1945 endet.
1947 wird Pünder Oberdirektor des Wirtschaftsrates der Bizone. 1949 wird der CDU-Politiker in den Deutschen Bundestag gewählt.
Nach kurzer Aufnahme der Personalien musste ich in dem für Gefängnisse üblichen Zentralbau von eisernen Treppen und drei Etagen hochsteigen, wo in der Einzelzelle 351 allsogleich die Riegel hinter mir und meinen Habseligkeiten klirrend ins Schloß fielen. Mit der Verpflegung hatte ich gleich auch in der Lehrter Straße Pech. Infolge des Umtransportes und des vielen Wartens war hier die Mittagsstunde schon verstrichen, und eine Möglichkeit, sich zu melden, gab es nicht, da die Klappe in der Zellentür nur von außen geöffnet werden konnte. Als sie sich von unsichtbarer Hand endlich am späten Nachmittag auftat, gab es als Abendessen einen derben Kanten Komißbrot mit einem lieblosen Klecks Rübenkraut darauf und einen Napf Kamillentee, mit Sacharin gesüßt.
Hermann Pünder in seinen Lebenserinnerungen über die Einlieferung in das Zellengefängnis Lehrter Straße
Quelle: Hermann Pünder, Von Preußen nach Europa. Lebenserinnerungen, Stuttgart 1968, S. 151.
Diese schwesterlichen Kassiber erwiesen sich als außerordentlich wesentlich für meine Verteidigung, zumal sich jetzt auch mein Bruder Werner in diese Verbindung einschalten konnte. Er war angesehener Anwalt in Berlin und besaß dort als Oberstleutnant der Reserve im Oberkommando der Wehrmacht vielerlei Verbindungen, so daß er mir manchen wertvollen Rat geben konnte. So erfuhr ich schon bald, daß mein lieber Kollege Dr. Goerdeler inzwischen nun doch leider gefasst worden war. Ich durfte also bei Vernehmungen unsere alten Beziehungen nicht leugnen.
Hermann Pünder in seinen Lebenserinnerungen über die Hilfeleistungen seiner Schwester Marianne Pünder, die ihn während seiner Haft in der Lehrter Straße mit Wäsche und Lebensmitteln sowie Informationen von draußen versorgt
Quelle: Hermann Pünder, Von Preußen nach Europa. Lebenserinnerungen, Stuttgart 1968, S. 156.






















