Richard Kuenzer
23. April 1945, ULAP-Gelände, Berlin-Moabit
Der promovierte Jurist Richard Kuenzer ist seit 1904 für das Auswärtige Amt tätig und arbeitet auf verschiedenen Auslandsposten. 1919 kehrt er aus der Kriegsgefangenschaft zurück und nimmt seine diplomatische Tätigkeit wieder auf, 1923 wird er in den vorläufigen Ruhestand versetzt. Richard Kuenzer, der dem linken Flügel der Zentrumspartei angehört, ist bis 1927 Mitherausgeber der Zentrumszeitung „Germania”. Er engagiert sich für eine Verständigung mit Polen und Frankreich und ist im „Friedensbund Deutscher Katholiken” aktiv.
Als bekennender Katholik steht er dem NS-Regime von Anfang an kritisch gegenüber. Kuenzer hat Kontakt zu verschiedenen Widerstandskreisen und nimmt an den Treffen im Hause von Johanna Solf teil, bei denen offen Kritik am nationalsozialistischen Regime geäußert wird. 1940/41 wird er kurzzeitig beauftragt, für das Auswärtige Amt verschiedene Kurierreisen zu unternehmen, die er dazu nutzt, den Kontakt zu dem im Schweizer Exil lebenden Joseph Wirth aufrechtzuerhalten. Zudem sondiert Kuenzer Fluchtmöglichkeiten für verfolgte Jüdinnen und Juden.
Am 5. Juli 1943 wird er festgenommen und im „Hausgefängnis” der Gestapo schwer misshandelt. Auch seine Frau Gerda wird am 24. August 1944 in „Sippenhaft” genommen und kommt erst am 20. März 1945 frei. Am 7. Oktober 1944 wird er in das Zellengefängnis Lehrter Straße verlegt. Die Anklage gegen ihn und weitere Angehörige des Solf-Kreises datiert vom 15. November 1944. Die Hauptverhandlung vor dem „Volksgerichtshof” ist für den 13. Dezember geplant, wird jedoch mehrfach verschoben und findet schließlich nicht mehr statt.
In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 wird Richard Kuenzer von einem Sonderkommando des Reichssicherheitshauptamts auf einem Gelände unweit des Zellengefängnisses Lehrter Straße ermordet.
[Klaus] B.[onhoeffer] sagte mir, es seien Mithäftlingen die Nägel herausgerissen und die Zähne ausgeschlagen worden. So läuft jetzt Geheimrat Kuenzer mit verbundenem Kiefer herum, ihm soll das Letztere (mit den Zähnen) angetan worden sein. Bonhoeffer meinte, erst jetzt verstünde man die Sprache der Bilder mittelalterlicher Folterungen, die man bisher nicht habe lesen können.
Andreas Hermes über die Verhöre der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße in einem Haftbrief vom 28. März 1945
Quelle: Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Bestand 01-090-176/3
Weil es Kuenzer immer noch nicht deutlich genug erschien, was er erklärt hatte, gab er sich in der Zelle noch einmal Rechenschaft über die Verbrechen der Zeit. So litt er unter ihnen, dass ihn die Gefahr, etwas aufzuzeichnen, weniger schreckte, wie vor Gott und den Menschen geschwiegen zu haben.
Eberhard Bethge in seiner Predigt anlässlich der Trauerfeier am 11. Juni 1945 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof
Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand









