Hans-Jürgen von Kleist-Retzow
27. September 1969, Wiesbaden
Hans-Jürgen von Kleist-Retzow übernimmt nach einem Studium der Forstwissenschaften 1909 die Bewirt-schaftung der Familiengüter Kieckow und Klein-Krössin. Ihn verbindet eine enge Freundschaft mit seinem Cousin Ewald von Kleist-Schmenzin, der wie er den Nationalsozialismus entschieden ablehnt. Er steht der Bekennenden Kirche nahe und ist mit Dietrich Bonhoeffer befreundet, der häufig in Kieckow weilt und sich 1943 mit der Nichte von Hans-Jürgen von Kleist-Retzow, Maria von Wedemeyer, verlobt. Er ist in die Planungen der Verschwörer des 20. Juli eingeweiht und fungiert als Vermittler zwischen Ewald von Kleist-Schmenzin und Carl Goerdeler.
Am 21. Juli 1944 wird er festgenommen und in das Gefängnis Köslin gebracht. Da ihm keine Beteiligung am Umsturzversuch nachgewiesen werden kann, wird er am 29. November zunächst aus der Haft entlassen. Bereits wenige Tage später, am 6. Dezember 1944, wird er jedoch erneut festgenommen und nach Berlin überstellt, wo er am folgenden Tag in die Gestapo-Abteilung des Zellengefängnisses Lehrter Straße 3 eingeliefert wird. Mehrfach wird er zu Verhören durch die Gestapo in die Prinz-Albrecht-Straße 8 gebracht.
Am 12. Februar 1945 wird er aus der Haft entlassen und kann zunächst nach Kieckow zurückkehren. Anfang März nimmt die Rote Armee Kieckow ein, Hans-Jürgen von Kleist-Retzow wird festgenommen und in die Sowjetunion verschleppt. 1947 kann er nach Deutschland zurückkehren.
In der Haftanstalt Lehrter Straße herrschte natürlich eine andere Luft, als in dem Kösliner Gefängnis. Schon der Lärm, der den großen Bau erfüllt, dessen vier radial angeordnete Flügel sich im Zentrum der Eingangshalle begegnen, ist besorgniserregend. Jedes Kommandowort, jedes Schlüsselrasseln vervielfältigt sich in den weiten durch vier Stockwerke völlig offenen Hallen. Nur Drahtnetze sind zwischen den einzelnen Etagen gespannt, augenscheinlich um das Herunterspringen von Selbstmordkandidaten zu verhindern. Schlips, Hosenträger müssen aus demselben Grunde abgelegt werden.
Erinnerung von Hans-Jürgen von Kleist-Retzow an die Einlieferung in das Zellengefängnis
Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Erinnerungsbericht von Hans-Jürgen von Kleist-Retzow, S. 6f.


