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Hans-Jürgen von Kleist-Retzow

1. November 1886, Belgard (Białogard)
27. September 1969, Wiesbaden

Hans-Jürgen von Kleist-­Retzow über­nimmt nach einem Studium der Forst­wissen­schaften 1909 die Bewirt­-schaftung der Familien­güter Kieckow und Klein-­Krössin. Ihn verbin­det eine enge Freund­schaft mit seinem Cousin Ewald von Kleist-­Schmenzin, der wie er den National­sozialis­mus ent­schieden ab­lehnt. Er steht der Bekennen­den Kirche nahe und ist mit Diet­rich Bon­hoeffer befreun­det, der häufig in Kieckow weilt und sich 1943 mit der Nichte von Hans-­Jürgen von Kleist-­Retzow, Maria von Wede­meyer, verlobt. Er ist in die Pla­nun­gen der Ver­schwörer des 20. Juli einge­weiht und fung­iert als Ver­mittler zwischen Ewald von Kleist­-Schmenzin und Carl Goerdeler. 

Am 21. Juli 1944 wird er fest­genom­men und in das Ge­fäng­nis Köslin gebracht. Da ihm keine Betei­ligung am Umsturz­versuch nach­gewie­sen werden kann, wird er am 29. Novem­ber zunächst aus der Haft ent­lassen. Bereits wenige Tage später, am 6. Dezem­ber 1944, wird er jedoch erneut fest­genom­men und nach Berlin über­stellt, wo er am folgen­den Tag in die Gestapo-­Abtei­lung des Zellen­gefäng­nisses Lehrter Straße 3 ein­gelie­fert wird. Mehr­fach wird er zu Ver­hören durch die Gesta­po in die Prinz-Al­brecht-­Straße 8 ge­bracht. 

Am 12. Febru­ar 1945 wird er aus der Haft ent­lassen und kann zunächst nach Kieckow zurück­kehren. An­fang März nimmt die Rote Ar­mee Kieckow ein, Hans-­Jürgen von Kleist-­Retzow wird fest­genom­men und in die Sowje­tunion ver­schleppt. 1947 kann er nach Deutsch­land zurück­kehren.

In der Haftan­stalt Lehrter Straße herrschte natürlich eine andere Luft, als in dem Kösliner Gefängnis. Schon der Lärm, der den großen Bau erfüllt, dessen vier radial angeord­nete Flügel sich im Zentrum der Eingangs­halle begegnen, ist besorgnis­erregend. Jedes Kommando­wort, jedes Schlüssel­rasseln verviel­fältigt sich in den weiten durch vier Stock­werke völlig offenen Hallen. Nur Draht­netze sind zwischen den einzelnen Etagen gespannt, augen­scheinlich um das Herunter­springen von Selbst­mord­kandidaten zu verhin­dern. Schlips, Hosen­träger müssen aus demselben Grunde abgelegt werden.

Erinnerung von Hans-Jürgen von Kleist-Retzow an die Einlieferung in das Zellengefängnis

Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Erinnerungsbericht von Hans-Jürgen von Kleist-Retzow, S. 6f.

Portrait: Hans-Jürgen von Kleist-RetzowHans-Jürgen von Kleist-Retzow