Heinz Haushofer
18. Februar 1988, Herrsching am Ammersee
Der zweite Sohn des einflussreichen Geopolitikers Karl Haushofer studiert Agrar- und Volkswirtschaft in München. Er heiratet Adrienne Desportes, die nach der Geburt ihres zweiten Kindes stirbt. Nach seiner Promotion arbeitet er seit 1929 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Büro der Bayerischen Landesbauernkammer. Anschließend ist er beim „Reichsnährstand” in Berlin beschäftigt, bis er 1937 Landwirtschaftattaché an der Deutschen Gesandtschaft in Wien und Budapest wird.
Er habilitiert sich und wird 1938 zum Privatdozenten an der Hochschule für Bodenkultur in Wien bestellt. Inzwischen ist er in zweiter Ehe mit Luise Renner verheiratet, mit der er drei weitere Kinder hat. Als Vater von fünf Kindern wird er vom Kriegsdienst zurückgestellt und kann weiter seiner Lehrtätigkeit nachgehen.
Durch seinen Vater und Bruder ist Heinz Haushofer auch in agrarpolitische Überlegungen für eine Zeit nach einem erfolgreichen Umsturz einbezogen, zudem hat er Kontakt zu Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg.
Nach dem Umsturzversuch des 20. Juli 1944 wird er am 25. August 1944 festgenommen und ab dem 7. September 1944 im Zellengefängnis Lehrter Straße 3 inhaftiert. Dort wird am 13. Dezember 1944 auch sein Bruder Albrecht Haushofer eingeliefert, der – kurz nach der Entlassung seines Bruders am 22. April 1945 – einer Mordaktion der Gestapo zum Opfer fällt.
Solange die Vernehmungen durch die Geheime Staatspolizei dauerten, hatte der Häftling in der Lehrterstraße nicht die geringsten Kommunikationsmöglichkeiten mit ,draußen'. ... Dieser Zustand änderte sich dann rasch, als nach dem Ende der Vernehmungen die ,Hafterleichterungen' einsetzen konnten, die im Bezug einer Zeitung, dem Empfang und Schreiben von Briefen an die engsten Angehörigen, der Benutzung der Gefängnisbibliothek und ganz besonders dem Gebrauch von Papier und Bleistift bestanden. Ich schrieb also, neben Briefen an meine Frau, fünf Märchen für meine Kinder.
Heinz Haushofer über seine Haft im Zellengefängnis
Quelle: Heinz Haushofer, Mein Leben als Agrarier. Eine Autobiographie 1924–1978, München 1982, S. 134.


Eintrag für Heinz Haushofer im Gefangenenbuch des Zellengefängnisses Lehrter Straße 3 Imperial War Museum London

Eintrag für Heinz Haushofer im Gefangenenbuch des Zellengefängnisses Lehrter Straße 3 Imperial War Museum London


Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz

Von Heinz Haushofer für seine Tochter Andrea im Zellengefängnis Lehrter Straße gestaltetes Bilderbuch, 1944/45 Privatbesitz


Brief von Heinz Haushofer an seine Frau Luise über die Ermordung von Häftlingen auf dem ULAP-Gelände vom 12. Mai 1945 Privatbesitz
Berlin, 12. V. 1945. Gut aufheben!
Liebste Frau,
ich bereite mich innnerlich und äusserlich darauf vor,
in den nächsten Tagen Berlin zu verlassen, um mich auf die Wande-
rung in die Heimat zu begeben. Wie lange ich brauchen werde,
wann und wo ich eine Bahn benützen kann, weiss ich nicht. Nach
dem mit dieser Wanderung doch ein kleines Wagnis verbunden ist,
hinterlasse ich diesen Brief bei Irmgard Schnuhr, die ihn absende
wird, sobald es möglich ist, damit die Nachrichten, die ich Euch zu
geben habe, mit grösster Wahrscheinlichkeit durchkommen.
Ich gebe im Folgenden einen sachlichen Erlebnisbericht,
und diesen so gedrängt als möglich.
Ich war bis zur Nacht vom 22./23. April mit dem
Albrecht zusammen im Gefängnis Lehrterstrasse in Moabit, in jenem
einen Flügel, den die Gestapo noch als „Sonderabteilung“ dort inne
hatte. Zu dieser Zeit hatte das Gefängnis schon Artillerietreffer be-
kommen, die Kämpfe zogen sich näher. Das Gefängnis wurde infol-
gedessen geträumt, und ich bekam meinen Entlassungsschein am
22.IV. spät abends, sodass ich die Nacht vom 22. auf 23. noch im
Gefängnis übernachtete - wir schliefen wegen des Beschusses schon im
Keller. Am 23. ganz früh verliess ich das Gefängnis und ging zu-
erst in die Meinekestrasse zu Otto, dessen Wohnung ich verlassen
fand. Ich hörte dann von Irmgard Schnuhr, dass er nicht in Ber-
- 2 -
lin, sondern irgendwo in Süddeutschland war. Daraufhin ging ich in
die Thomasius-Str. 5, zu Irmgard Schnuhr, wo ich rührend aufge-
nommen und verpflegt wurde und bis heute blieb. Ich will gleich
zu Ende berichten, dass die Thomasius-Strasse bald in die deutsche Haupt-
kampflinie geriet. Die Hausgemeinschaft schlief wegen des dauernden
Artilleriebeschusses im Keller, das Haus selbst bekam 3 Treffer, davon zu
Glück ein Blindgänger. Aus der deutschen kamen wir dann am 28.
in die russische Hauptkampflinie und erhielten deutschen Artilleriebeschuss
bis zur Einstellung der Kampfhandlungen.
Den Albrecht hatte ich in der Nacht vom 22./23. gesehen.
Er stand mit 7 weiteren Häftlingen im Keller, während ich mit meiner
Partei der zu Entlassenden meine Papiere bekam - es hiess, diese 8 sollten
in die Prinz-Albrechtstrasse, d.h. in die Zentrale der Gestapo, verlegt werden.
Das schien bei der Annäherung der Front auch verständlich; wir ver-
abschiedeten uns guter Dinge und ich sagte ihm, dass er mich ent-
weder bei Otto oder bei Frau Schnuhr erreichen würde.
Daraufhin hörte ich von Albrecht nichts mehr bis zum
10. Mai. Inzwischen hatten Irmgard Schnuhr und ich getan, was uns
möglich war: wir waren schon am Tag nach meiner Entlassung, d.h.
am 24.IV. wieder ins Gefängnis gelaufen, unter dauerndem Beschuss,
um festzustellen, ob der Albrecht wirklich dort weg sei - was sich
bestätigte. I. Sch. liess sich auch durch einen Einschlag einer Granate
etwa 20 m von uns nicht davon abbringen, wie ich überhaupt auch
in den folgenden Tagen ihre bedingungslose Tapferkeit respektieren
gelernt habe. Gleichfalls in heftigem Beschuss lief sie noch zum
Blatt 2.
Anwalt vom Albrecht, um ihn über die neue Lage zu informieren. Doch wa-
ren die Zustände schon so in Auflösung, dass er wahrscheinlich zu nichts
mehr gekommen ist. Unmittelbar nach der Eroberung der Innenstadt durch
die Rote Armee waren wir auch in den Ruinen der Prinz-Albrecht-Strasse,
ohne über das Schicksal von evt. Häftlingen der Gestapo etwas erfahren
zu können.
Erst am 10. V., als ich zum ersten Mal Kameraden, d.h.
Mit-Häftlinge im Westen aufsuchte, hörte ich gerüchtweise von einem
Mord an Häftlingen aus dem Gefängnis Lehrterstrasse, dem angeblich
ein junger KPD-Mann entkommen sei. Diesen, Herbert Kosney, haben
wir am 11. V. in seiner Wohnung, Berlin N 58, Hagenauer-Str. 17 besucht.
Er hatte einen Pistolen-Einschuss im Genick und einen Ausschuss durch
die Backe und war also wie durch ein Wunder dem Genickschuss-T[?]
entkommen.
Er gab uns folgendes zu Protokoll und hat es auch für uns
unterschrieben:
Er wurde in der Nacht vom 22./23. mit einer Reihe von an-
deren Häftlingen aus der Zelle geholt, um angeblich verlegt zu werden.
Unter diesen war auch der Albrecht, den er erstens mit Namen als
„Professor Haushofer“ hatte aufrufen hören, und den er durch mehrere
kurze Gefängnis-Unterhaltungen persönlich kannte. Sie empfingen ihr
Gepäck, ihre Wertsachen und Dokumente, über deren Empfang sie quittie-
ren mussten. Ausserhalb des Gefängnisses wurden sie von einem feld-
marschmässig ausgerüsteten SS-Kommando in Empfang genommen;
bei Fluchtversuch würde geschossen. Gepäck, Wertsachen und Dokumente
- 4 -
mussten wieder abgegeben, das Gepäck auf einen Kübelwagen verladen wer-
den. Dann wurden sie zu Fuss vom Gefängnis das kurze Ende der Lehr-
terstrasse über die Invalidenstrasse in einem Komplex von teils halbfertigen, teils zerstörten Ge-
bäuden geführt. Hinter jedem Häftling ging ein SS-Mann. Auf das
Kommando „Fertig-Los“ bekam jeder Gefangene den Genickschuss, auch
mein Gewährsmann. Dieser hatte sich aber eben umgesehen, sodass der
Schuss nicht tötlich war und er bei Bewusstsein blieb. Er liess sich
fallen und stellte sich tot. Er hörte noch, wie diejenigen, die sich rühr-
ten oder schrien, durch weitere Schüsse erledigt wurden. Dann rückte das
Kommando ab, „sie hätten in dieser Nacht noch mehr zu tun“. Er hätte
sich dann nach Hause schleppen können. Dass alle übrigen tot seien, sei
für ihn ausser Zweifel.
Auf Grund der Beschreibung der Örtlichkeit sahen I. Sch. und
ich am 11. V. Leichen in diesem Gebäudekomplex, den wir aber wegen
militärischer Bewachung noch nicht betreten konnten. Das war uns
erst am 12. V. in Begleitung des Herrn Ziemer vom Bürgermeisteramt
Berlin-Tiergarten möglich. Der Albrecht lag mit noch 7 Kameraden
an der Stelle, wo er ermordet worden war. Ich konnte von diesen
7 alle bis auf einen identifizieren, und will sie auf alle Fälle
festhalten: Oberstlt. Munzinger, der in der Abwehr eingesetzt war;
Graf Salviati, Offizier, den Rang weiss ich nicht; Moll, ein Deutsch-
Argentinier mit Argentinischem Pass; Oberst Stehle aus Berlin, Sasimo
anscheinend ein Angehöriger der Roten Armee, in Uniform.
Der Albrecht lag friedlich auf der Seite, als ob er eben zu-
sammengefallen wäre. Anzeichen für einen Todeskampf waren nicht
Blatt 3. - 5 -
zu sehen, der Tod scheint augenblicklich gewesen zu sein. In seiner Tasche
hatte er seine Abschrift der 80 Sonnette, die er im Gefängnis geschrieben
hatte und ein Thomas-Morus-Fragment, an dem er zuletzt gearbeitet
hatte. (Eine zweite Abschrift der Sonnette von seiner Hand hatte er einige Tage vor mei-
ner Entlassung mir zukommen lassen - ich werde die Sonnette also in 1 Expl.
auf meine Wanderung nehmen, ein weiteres Expl. behält I. Schn., eine 3.,
von mir gemachte Abschrift bleibt im Kreis der Moabiter Kameraden als
Vermächtnis, zu Händen von Herrn von Reclam, Berlin-Chlbg., Reichs-
strasse 31.)
Der Albrecht wird nun am 13. V. auf dem Begräbnisplatz im
„Kleinen Tiergarten“ in einer Reihe mit den ermordeten Kameraden bei-
gesetzten, sodass er evt. nach Eintritt entsprechender Verkehrsmöglichkeiten
exhumiert werden könnte. Ob er es wollte, ist eine andere Frage. Auf
alle Fälle wünschte ich ihm eine Tafel auf unserem Friedhof.
Zum Schluss ist zu sagen, dass es gegen die Durchführung
dieser gemeinen, rechtlosen und das Licht scheuenden nächtlichen
Metzgerei wohl keine Mittel gab. Der Albrecht und die Kameraden hatten
keine Möglichkeit der Gegenwehr, und auch wir kamen ja mit Allem
zu spät, und es wäre auch alles Weitere zu spät gekommen, was wir
noch hätten unternehmen können - wenn die Auflösung in Berlin
nicht schon so weit fortgeschritten worden wäre. Ich will nur noch die
Namen der Verantwortlichen an diesem Gefangenen-Mord festhalten:
die Entscheidung traf der Stellvertreter von Kaltenbrunner, SS-Gruppen-
führer Müller, bei dem am 22. in der Wohnung eine Dienstbe-
- 6 -
sprechung in dieser Sache stattfand. Der verantwortliche Gefängniskommandant
war SS-Untersturmführer Albrecht. Wer das „Rollkommando“ befehligte, weiss le[ider?]
niemand. -
Nun noch ein menschliches Kapitel, auf das ich grossen Wert
lege. Als ich den Albrecht im Gefängnis einmal nach I. Sch. fragen konnte,
deutete er mir mit wenigen Worten, aber ganz unmissverständlich, an,
dass zwischen ihm und I. Sch. mehr bestünde, als nur die Kameradschaft
zwischen Professor und Assistentin. Seine Vorsicht hat ihn wohl zurück-
gehalten, solange bis die Ehe von I. Sch. endgültig getrennt sein würde,
er wollte anscheinend unter keinen Umständen als Störenfried erscheinen.
Dass er mir das unter diesen Umständen sagte, beweist mir unbedingt,
dass auch von ihm aus etwas wie echte Liebe da war; von ihr aus
war es nicht zu verheimlichen. Sie ist nur wegen ihm diese schauer-
lichen Monate in der Stadt geblieben, um ihn zu versorgen und alles
zu erreichen, was einer geschickten Frau an Erleichterungen zu bekommen
möglich war. Und zu dieser unbedingten Tapferkeit, wie ich sie an
ihr in diesen Wochen erlebt habe, ist nur eine Frau fähig, die einen
Mann liebhat. Aus der Äusserung vom Albrecht habe ich aber doch
gesehen, dass er ein heimliches Glück gehabt hat - und das macht
mich etwas froh. Jedenfalls bin ich I. Sch. für Alles dankbar, was
sie dem Albrecht gegeben hat - er hat ja sonst, ausser von mir,
nicht viel Wärme in seine Zelle bekommen.
Wenn ich wohlbehalten zu Euch komme, hoffe ich einmal
Gelegenheit zu haben, an I. Sch. einen Teil der Dankesschuld abtragen
zu können. Ich habe sie sehr hoch schätzen gelernt.
Blatt 4. - 7 -
Ich habe vom Bürgermeister Tiergarten einen Ausweis, der
meine Haft und meine Heimkehr-Absicht bestätigt. Was ich in Berlin
zu tun hatte, d.h. alles in den Sachen Albrecht’s zu tun, was möglich
wäre - ist getan. Ultra mortem - ist nichts mehr zu tun. Ich würde
mich noch gern weiter um I. Sch. kümmern, für die die Welt sehr arm
geworden zu sein scheint. Ich glaube, ich kann wirkliche Trauer er-
kennen. Ich kann aber nur mehr versuchen, meinen Kameradenkreis
ihr zur Verfügung zu stellen, damit es wenigstens äusserlich für sie
erträglich wird.
Und dann hab‘ ich nur den einen Willen, zu Dir und
den Kindern heimzukommen. Q.D.B.V. [= quod Deus bene vertat, lat., was Gott zum Besten wenden möge. Quelle: Herders Conversations-Lexikon.]
Dein Heinz.
Nachtrag. Wir haben nun doch ein Einzelgrab für den Albrecht bekommen
auf dem Friedhof der Johanniskirche in Moabit. Begraben hat ihn
dort Pfarrer Hitzigrath. Er liegt im neuen, 1945 dazugenommenen Teil
hinten in der rechten Ecke. -
Nachtrag vom 11. VI. Heut soll ein Lastwagen nach Wittenberg gehen,
mit dem ich mitfahren kann. Hoffentlich klappt es, und hoffentlich
darf ich die Demarkationslinie passieren! - Und kümmert Euch um
Irmgard Sch., so gut Ihr könnt. - Die 80 Sonnette vom Albrecht
sollen hier gedruckt oder verfielfältigt werden, als Vermächtnis. -
2 Kinder von I. Sch. sind in Hittisau [Österreich], Kinderheim Mit Hall[enbad - lt. Google]
kümmert Euch um sie, sobald es geht.
H.

Brief von Heinz Haushofer an seine Frau Luise über die Ermordung von Häftlingen auf dem ULAP-Gelände vom 12. Mai 1945 Privatbesitz
Berlin, 12. V. 1945. Gut aufheben!
Liebste Frau,
ich bereite mich innnerlich und äusserlich darauf vor,
in den nächsten Tagen Berlin zu verlassen, um mich auf die Wande-
rung in die Heimat zu begeben. Wie lange ich brauchen werde,
wann und wo ich eine Bahn benützen kann, weiss ich nicht. Nach
dem mit dieser Wanderung doch ein kleines Wagnis verbunden ist,
hinterlasse ich diesen Brief bei Irmgard Schnuhr, die ihn absende
wird, sobald es möglich ist, damit die Nachrichten, die ich Euch zu
geben habe, mit grösster Wahrscheinlichkeit durchkommen.
Ich gebe im Folgenden einen sachlichen Erlebnisbericht,
und diesen so gedrängt als möglich.
Ich war bis zur Nacht vom 22./23. April mit dem
Albrecht zusammen im Gefängnis Lehrterstrasse in Moabit, in jenem
einen Flügel, den die Gestapo noch als „Sonderabteilung“ dort inne
hatte. Zu dieser Zeit hatte das Gefängnis schon Artillerietreffer be-
kommen, die Kämpfe zogen sich näher. Das Gefängnis wurde infol-
gedessen geträumt, und ich bekam meinen Entlassungsschein am
22.IV. spät abends, sodass ich die Nacht vom 22. auf 23. noch im
Gefängnis übernachtete - wir schliefen wegen des Beschusses schon im
Keller. Am 23. ganz früh verliess ich das Gefängnis und ging zu-
erst in die Meinekestrasse zu Otto, dessen Wohnung ich verlassen
fand. Ich hörte dann von Irmgard Schnuhr, dass er nicht in Ber-
- 2 -
lin, sondern irgendwo in Süddeutschland war. Daraufhin ging ich in
die Thomasius-Str. 5, zu Irmgard Schnuhr, wo ich rührend aufge-
nommen und verpflegt wurde und bis heute blieb. Ich will gleich
zu Ende berichten, dass die Thomasius-Strasse bald in die deutsche Haupt-
kampflinie geriet. Die Hausgemeinschaft schlief wegen des dauernden
Artilleriebeschusses im Keller, das Haus selbst bekam 3 Treffer, davon zu
Glück ein Blindgänger. Aus der deutschen kamen wir dann am 28.
in die russische Hauptkampflinie und erhielten deutschen Artilleriebeschuss
bis zur Einstellung der Kampfhandlungen.
Den Albrecht hatte ich in der Nacht vom 22./23. gesehen.
Er stand mit 7 weiteren Häftlingen im Keller, während ich mit meiner
Partei der zu Entlassenden meine Papiere bekam - es hiess, diese 8 sollten
in die Prinz-Albrechtstrasse, d.h. in die Zentrale der Gestapo, verlegt werden.
Das schien bei der Annäherung der Front auch verständlich; wir ver-
abschiedeten uns guter Dinge und ich sagte ihm, dass er mich ent-
weder bei Otto oder bei Frau Schnuhr erreichen würde.
Daraufhin hörte ich von Albrecht nichts mehr bis zum
10. Mai. Inzwischen hatten Irmgard Schnuhr und ich getan, was uns
möglich war: wir waren schon am Tag nach meiner Entlassung, d.h.
am 24.IV. wieder ins Gefängnis gelaufen, unter dauerndem Beschuss,
um festzustellen, ob der Albrecht wirklich dort weg sei - was sich
bestätigte. I. Sch. liess sich auch durch einen Einschlag einer Granate
etwa 20 m von uns nicht davon abbringen, wie ich überhaupt auch
in den folgenden Tagen ihre bedingungslose Tapferkeit respektieren
gelernt habe. Gleichfalls in heftigem Beschuss lief sie noch zum
Blatt 2.
Anwalt vom Albrecht, um ihn über die neue Lage zu informieren. Doch wa-
ren die Zustände schon so in Auflösung, dass er wahrscheinlich zu nichts
mehr gekommen ist. Unmittelbar nach der Eroberung der Innenstadt durch
die Rote Armee waren wir auch in den Ruinen der Prinz-Albrecht-Strasse,
ohne über das Schicksal von evt. Häftlingen der Gestapo etwas erfahren
zu können.
Erst am 10. V., als ich zum ersten Mal Kameraden, d.h.
Mit-Häftlinge im Westen aufsuchte, hörte ich gerüchtweise von einem
Mord an Häftlingen aus dem Gefängnis Lehrterstrasse, dem angeblich
ein junger KPD-Mann entkommen sei. Diesen, Herbert Kosney, haben
wir am 11. V. in seiner Wohnung, Berlin N 58, Hagenauer-Str. 17 besucht.
Er hatte einen Pistolen-Einschuss im Genick und einen Ausschuss durch
die Backe und war also wie durch ein Wunder dem Genickschuss-T[?]
entkommen.
Er gab uns folgendes zu Protokoll und hat es auch für uns
unterschrieben:
Er wurde in der Nacht vom 22./23. mit einer Reihe von an-
deren Häftlingen aus der Zelle geholt, um angeblich verlegt zu werden.
Unter diesen war auch der Albrecht, den er erstens mit Namen als
„Professor Haushofer“ hatte aufrufen hören, und den er durch mehrere
kurze Gefängnis-Unterhaltungen persönlich kannte. Sie empfingen ihr
Gepäck, ihre Wertsachen und Dokumente, über deren Empfang sie quittie-
ren mussten. Ausserhalb des Gefängnisses wurden sie von einem feld-
marschmässig ausgerüsteten SS-Kommando in Empfang genommen;
bei Fluchtversuch würde geschossen. Gepäck, Wertsachen und Dokumente
- 4 -
mussten wieder abgegeben, das Gepäck auf einen Kübelwagen verladen wer-
den. Dann wurden sie zu Fuss vom Gefängnis das kurze Ende der Lehr-
terstrasse über die Invalidenstrasse in einem Komplex von teils halbfertigen, teils zerstörten Ge-
bäuden geführt. Hinter jedem Häftling ging ein SS-Mann. Auf das
Kommando „Fertig-Los“ bekam jeder Gefangene den Genickschuss, auch
mein Gewährsmann. Dieser hatte sich aber eben umgesehen, sodass der
Schuss nicht tötlich war und er bei Bewusstsein blieb. Er liess sich
fallen und stellte sich tot. Er hörte noch, wie diejenigen, die sich rühr-
ten oder schrien, durch weitere Schüsse erledigt wurden. Dann rückte das
Kommando ab, „sie hätten in dieser Nacht noch mehr zu tun“. Er hätte
sich dann nach Hause schleppen können. Dass alle übrigen tot seien, sei
für ihn ausser Zweifel.
Auf Grund der Beschreibung der Örtlichkeit sahen I. Sch. und
ich am 11. V. Leichen in diesem Gebäudekomplex, den wir aber wegen
militärischer Bewachung noch nicht betreten konnten. Das war uns
erst am 12. V. in Begleitung des Herrn Ziemer vom Bürgermeisteramt
Berlin-Tiergarten möglich. Der Albrecht lag mit noch 7 Kameraden
an der Stelle, wo er ermordet worden war. Ich konnte von diesen
7 alle bis auf einen identifizieren, und will sie auf alle Fälle
festhalten: Oberstlt. Munzinger, der in der Abwehr eingesetzt war;
Graf Salviati, Offizier, den Rang weiss ich nicht; Moll, ein Deutsch-
Argentinier mit Argentinischem Pass; Oberst Stehle aus Berlin, Sasimo
anscheinend ein Angehöriger der Roten Armee, in Uniform.
Der Albrecht lag friedlich auf der Seite, als ob er eben zu-
sammengefallen wäre. Anzeichen für einen Todeskampf waren nicht
Blatt 3. - 5 -
zu sehen, der Tod scheint augenblicklich gewesen zu sein. In seiner Tasche
hatte er seine Abschrift der 80 Sonnette, die er im Gefängnis geschrieben
hatte und ein Thomas-Morus-Fragment, an dem er zuletzt gearbeitet
hatte. (Eine zweite Abschrift der Sonnette von seiner Hand hatte er einige Tage vor mei-
ner Entlassung mir zukommen lassen - ich werde die Sonnette also in 1 Expl.
auf meine Wanderung nehmen, ein weiteres Expl. behält I. Schn., eine 3.,
von mir gemachte Abschrift bleibt im Kreis der Moabiter Kameraden als
Vermächtnis, zu Händen von Herrn von Reclam, Berlin-Chlbg., Reichs-
strasse 31.)
Der Albrecht wird nun am 13. V. auf dem Begräbnisplatz im
„Kleinen Tiergarten“ in einer Reihe mit den ermordeten Kameraden bei-
gesetzten, sodass er evt. nach Eintritt entsprechender Verkehrsmöglichkeiten
exhumiert werden könnte. Ob er es wollte, ist eine andere Frage. Auf
alle Fälle wünschte ich ihm eine Tafel auf unserem Friedhof.
Zum Schluss ist zu sagen, dass es gegen die Durchführung
dieser gemeinen, rechtlosen und das Licht scheuenden nächtlichen
Metzgerei wohl keine Mittel gab. Der Albrecht und die Kameraden hatten
keine Möglichkeit der Gegenwehr, und auch wir kamen ja mit Allem
zu spät, und es wäre auch alles Weitere zu spät gekommen, was wir
noch hätten unternehmen können - wenn die Auflösung in Berlin
nicht schon so weit fortgeschritten worden wäre. Ich will nur noch die
Namen der Verantwortlichen an diesem Gefangenen-Mord festhalten:
die Entscheidung traf der Stellvertreter von Kaltenbrunner, SS-Gruppen-
führer Müller, bei dem am 22. in der Wohnung eine Dienstbe-
- 6 -
sprechung in dieser Sache stattfand. Der verantwortliche Gefängniskommandant
war SS-Untersturmführer Albrecht. Wer das „Rollkommando“ befehligte, weiss le[ider?]
niemand. -
Nun noch ein menschliches Kapitel, auf das ich grossen Wert
lege. Als ich den Albrecht im Gefängnis einmal nach I. Sch. fragen konnte,
deutete er mir mit wenigen Worten, aber ganz unmissverständlich, an,
dass zwischen ihm und I. Sch. mehr bestünde, als nur die Kameradschaft
zwischen Professor und Assistentin. Seine Vorsicht hat ihn wohl zurück-
gehalten, solange bis die Ehe von I. Sch. endgültig getrennt sein würde,
er wollte anscheinend unter keinen Umständen als Störenfried erscheinen.
Dass er mir das unter diesen Umständen sagte, beweist mir unbedingt,
dass auch von ihm aus etwas wie echte Liebe da war; von ihr aus
war es nicht zu verheimlichen. Sie ist nur wegen ihm diese schauer-
lichen Monate in der Stadt geblieben, um ihn zu versorgen und alles
zu erreichen, was einer geschickten Frau an Erleichterungen zu bekommen
möglich war. Und zu dieser unbedingten Tapferkeit, wie ich sie an
ihr in diesen Wochen erlebt habe, ist nur eine Frau fähig, die einen
Mann liebhat. Aus der Äusserung vom Albrecht habe ich aber doch
gesehen, dass er ein heimliches Glück gehabt hat - und das macht
mich etwas froh. Jedenfalls bin ich I. Sch. für Alles dankbar, was
sie dem Albrecht gegeben hat - er hat ja sonst, ausser von mir,
nicht viel Wärme in seine Zelle bekommen.
Wenn ich wohlbehalten zu Euch komme, hoffe ich einmal
Gelegenheit zu haben, an I. Sch. einen Teil der Dankesschuld abtragen
zu können. Ich habe sie sehr hoch schätzen gelernt.
Blatt 4. - 7 -
Ich habe vom Bürgermeister Tiergarten einen Ausweis, der
meine Haft und meine Heimkehr-Absicht bestätigt. Was ich in Berlin
zu tun hatte, d.h. alles in den Sachen Albrecht’s zu tun, was möglich
wäre - ist getan. Ultra mortem - ist nichts mehr zu tun. Ich würde
mich noch gern weiter um I. Sch. kümmern, für die die Welt sehr arm
geworden zu sein scheint. Ich glaube, ich kann wirkliche Trauer er-
kennen. Ich kann aber nur mehr versuchen, meinen Kameradenkreis
ihr zur Verfügung zu stellen, damit es wenigstens äusserlich für sie
erträglich wird.
Und dann hab‘ ich nur den einen Willen, zu Dir und
den Kindern heimzukommen. Q.D.B.V. [= quod Deus bene vertat, lat., was Gott zum Besten wenden möge. Quelle: Herders Conversations-Lexikon.]
Dein Heinz.
Nachtrag. Wir haben nun doch ein Einzelgrab für den Albrecht bekommen
auf dem Friedhof der Johanniskirche in Moabit. Begraben hat ihn
dort Pfarrer Hitzigrath. Er liegt im neuen, 1945 dazugenommenen Teil
hinten in der rechten Ecke. -
Nachtrag vom 11. VI. Heut soll ein Lastwagen nach Wittenberg gehen,
mit dem ich mitfahren kann. Hoffentlich klappt es, und hoffentlich
darf ich die Demarkationslinie passieren! - Und kümmert Euch um
Irmgard Sch., so gut Ihr könnt. - Die 80 Sonnette vom Albrecht
sollen hier gedruckt oder verfielfältigt werden, als Vermächtnis. -
2 Kinder von I. Sch. sind in Hittisau [Österreich], Kinderheim Mit Hall[enbad - lt. Google]
kümmert Euch um sie, sobald es geht.
H.

Brief von Heinz Haushofer an seine Frau Luise über die Ermordung von Häftlingen auf dem ULAP-Gelände vom 12. Mai 1945 Privatbesitz
Berlin, 12. V. 1945. Gut aufheben!
Liebste Frau,
ich bereite mich innnerlich und äusserlich darauf vor,
in den nächsten Tagen Berlin zu verlassen, um mich auf die Wande-
rung in die Heimat zu begeben. Wie lange ich brauchen werde,
wann und wo ich eine Bahn benützen kann, weiss ich nicht. Nach
dem mit dieser Wanderung doch ein kleines Wagnis verbunden ist,
hinterlasse ich diesen Brief bei Irmgard Schnuhr, die ihn absende
wird, sobald es möglich ist, damit die Nachrichten, die ich Euch zu
geben habe, mit grösster Wahrscheinlichkeit durchkommen.
Ich gebe im Folgenden einen sachlichen Erlebnisbericht,
und diesen so gedrängt als möglich.
Ich war bis zur Nacht vom 22./23. April mit dem
Albrecht zusammen im Gefängnis Lehrterstrasse in Moabit, in jenem
einen Flügel, den die Gestapo noch als „Sonderabteilung“ dort inne
hatte. Zu dieser Zeit hatte das Gefängnis schon Artillerietreffer be-
kommen, die Kämpfe zogen sich näher. Das Gefängnis wurde infol-
gedessen geträumt, und ich bekam meinen Entlassungsschein am
22.IV. spät abends, sodass ich die Nacht vom 22. auf 23. noch im
Gefängnis übernachtete - wir schliefen wegen des Beschusses schon im
Keller. Am 23. ganz früh verliess ich das Gefängnis und ging zu-
erst in die Meinekestrasse zu Otto, dessen Wohnung ich verlassen
fand. Ich hörte dann von Irmgard Schnuhr, dass er nicht in Ber-
- 2 -
lin, sondern irgendwo in Süddeutschland war. Daraufhin ging ich in
die Thomasius-Str. 5, zu Irmgard Schnuhr, wo ich rührend aufge-
nommen und verpflegt wurde und bis heute blieb. Ich will gleich
zu Ende berichten, dass die Thomasius-Strasse bald in die deutsche Haupt-
kampflinie geriet. Die Hausgemeinschaft schlief wegen des dauernden
Artilleriebeschusses im Keller, das Haus selbst bekam 3 Treffer, davon zu
Glück ein Blindgänger. Aus der deutschen kamen wir dann am 28.
in die russische Hauptkampflinie und erhielten deutschen Artilleriebeschuss
bis zur Einstellung der Kampfhandlungen.
Den Albrecht hatte ich in der Nacht vom 22./23. gesehen.
Er stand mit 7 weiteren Häftlingen im Keller, während ich mit meiner
Partei der zu Entlassenden meine Papiere bekam - es hiess, diese 8 sollten
in die Prinz-Albrechtstrasse, d.h. in die Zentrale der Gestapo, verlegt werden.
Das schien bei der Annäherung der Front auch verständlich; wir ver-
abschiedeten uns guter Dinge und ich sagte ihm, dass er mich ent-
weder bei Otto oder bei Frau Schnuhr erreichen würde.
Daraufhin hörte ich von Albrecht nichts mehr bis zum
10. Mai. Inzwischen hatten Irmgard Schnuhr und ich getan, was uns
möglich war: wir waren schon am Tag nach meiner Entlassung, d.h.
am 24.IV. wieder ins Gefängnis gelaufen, unter dauerndem Beschuss,
um festzustellen, ob der Albrecht wirklich dort weg sei - was sich
bestätigte. I. Sch. liess sich auch durch einen Einschlag einer Granate
etwa 20 m von uns nicht davon abbringen, wie ich überhaupt auch
in den folgenden Tagen ihre bedingungslose Tapferkeit respektieren
gelernt habe. Gleichfalls in heftigem Beschuss lief sie noch zum
Blatt 2.
Anwalt vom Albrecht, um ihn über die neue Lage zu informieren. Doch wa-
ren die Zustände schon so in Auflösung, dass er wahrscheinlich zu nichts
mehr gekommen ist. Unmittelbar nach der Eroberung der Innenstadt durch
die Rote Armee waren wir auch in den Ruinen der Prinz-Albrecht-Strasse,
ohne über das Schicksal von evt. Häftlingen der Gestapo etwas erfahren
zu können.
Erst am 10. V., als ich zum ersten Mal Kameraden, d.h.
Mit-Häftlinge im Westen aufsuchte, hörte ich gerüchtweise von einem
Mord an Häftlingen aus dem Gefängnis Lehrterstrasse, dem angeblich
ein junger KPD-Mann entkommen sei. Diesen, Herbert Kosney, haben
wir am 11. V. in seiner Wohnung, Berlin N 58, Hagenauer-Str. 17 besucht.
Er hatte einen Pistolen-Einschuss im Genick und einen Ausschuss durch
die Backe und war also wie durch ein Wunder dem Genickschuss-T[?]
entkommen.
Er gab uns folgendes zu Protokoll und hat es auch für uns
unterschrieben:
Er wurde in der Nacht vom 22./23. mit einer Reihe von an-
deren Häftlingen aus der Zelle geholt, um angeblich verlegt zu werden.
Unter diesen war auch der Albrecht, den er erstens mit Namen als
„Professor Haushofer“ hatte aufrufen hören, und den er durch mehrere
kurze Gefängnis-Unterhaltungen persönlich kannte. Sie empfingen ihr
Gepäck, ihre Wertsachen und Dokumente, über deren Empfang sie quittie-
ren mussten. Ausserhalb des Gefängnisses wurden sie von einem feld-
marschmässig ausgerüsteten SS-Kommando in Empfang genommen;
bei Fluchtversuch würde geschossen. Gepäck, Wertsachen und Dokumente
- 4 -
mussten wieder abgegeben, das Gepäck auf einen Kübelwagen verladen wer-
den. Dann wurden sie zu Fuss vom Gefängnis das kurze Ende der Lehr-
terstrasse über die Invalidenstrasse in einem Komplex von teils halbfertigen, teils zerstörten Ge-
bäuden geführt. Hinter jedem Häftling ging ein SS-Mann. Auf das
Kommando „Fertig-Los“ bekam jeder Gefangene den Genickschuss, auch
mein Gewährsmann. Dieser hatte sich aber eben umgesehen, sodass der
Schuss nicht tötlich war und er bei Bewusstsein blieb. Er liess sich
fallen und stellte sich tot. Er hörte noch, wie diejenigen, die sich rühr-
ten oder schrien, durch weitere Schüsse erledigt wurden. Dann rückte das
Kommando ab, „sie hätten in dieser Nacht noch mehr zu tun“. Er hätte
sich dann nach Hause schleppen können. Dass alle übrigen tot seien, sei
für ihn ausser Zweifel.
Auf Grund der Beschreibung der Örtlichkeit sahen I. Sch. und
ich am 11. V. Leichen in diesem Gebäudekomplex, den wir aber wegen
militärischer Bewachung noch nicht betreten konnten. Das war uns
erst am 12. V. in Begleitung des Herrn Ziemer vom Bürgermeisteramt
Berlin-Tiergarten möglich. Der Albrecht lag mit noch 7 Kameraden
an der Stelle, wo er ermordet worden war. Ich konnte von diesen
7 alle bis auf einen identifizieren, und will sie auf alle Fälle
festhalten: Oberstlt. Munzinger, der in der Abwehr eingesetzt war;
Graf Salviati, Offizier, den Rang weiss ich nicht; Moll, ein Deutsch-
Argentinier mit Argentinischem Pass; Oberst Stehle aus Berlin, Sasimo
anscheinend ein Angehöriger der Roten Armee, in Uniform.
Der Albrecht lag friedlich auf der Seite, als ob er eben zu-
sammengefallen wäre. Anzeichen für einen Todeskampf waren nicht
Blatt 3. - 5 -
zu sehen, der Tod scheint augenblicklich gewesen zu sein. In seiner Tasche
hatte er seine Abschrift der 80 Sonnette, die er im Gefängnis geschrieben
hatte und ein Thomas-Morus-Fragment, an dem er zuletzt gearbeitet
hatte. (Eine zweite Abschrift der Sonnette von seiner Hand hatte er einige Tage vor mei-
ner Entlassung mir zukommen lassen - ich werde die Sonnette also in 1 Expl.
auf meine Wanderung nehmen, ein weiteres Expl. behält I. Schn., eine 3.,
von mir gemachte Abschrift bleibt im Kreis der Moabiter Kameraden als
Vermächtnis, zu Händen von Herrn von Reclam, Berlin-Chlbg., Reichs-
strasse 31.)
Der Albrecht wird nun am 13. V. auf dem Begräbnisplatz im
„Kleinen Tiergarten“ in einer Reihe mit den ermordeten Kameraden bei-
gesetzten, sodass er evt. nach Eintritt entsprechender Verkehrsmöglichkeiten
exhumiert werden könnte. Ob er es wollte, ist eine andere Frage. Auf
alle Fälle wünschte ich ihm eine Tafel auf unserem Friedhof.
Zum Schluss ist zu sagen, dass es gegen die Durchführung
dieser gemeinen, rechtlosen und das Licht scheuenden nächtlichen
Metzgerei wohl keine Mittel gab. Der Albrecht und die Kameraden hatten
keine Möglichkeit der Gegenwehr, und auch wir kamen ja mit Allem
zu spät, und es wäre auch alles Weitere zu spät gekommen, was wir
noch hätten unternehmen können - wenn die Auflösung in Berlin
nicht schon so weit fortgeschritten worden wäre. Ich will nur noch die
Namen der Verantwortlichen an diesem Gefangenen-Mord festhalten:
die Entscheidung traf der Stellvertreter von Kaltenbrunner, SS-Gruppen-
führer Müller, bei dem am 22. in der Wohnung eine Dienstbe-
- 6 -
sprechung in dieser Sache stattfand. Der verantwortliche Gefängniskommandant
war SS-Untersturmführer Albrecht. Wer das „Rollkommando“ befehligte, weiss le[ider?]
niemand. -
Nun noch ein menschliches Kapitel, auf das ich grossen Wert
lege. Als ich den Albrecht im Gefängnis einmal nach I. Sch. fragen konnte,
deutete er mir mit wenigen Worten, aber ganz unmissverständlich, an,
dass zwischen ihm und I. Sch. mehr bestünde, als nur die Kameradschaft
zwischen Professor und Assistentin. Seine Vorsicht hat ihn wohl zurück-
gehalten, solange bis die Ehe von I. Sch. endgültig getrennt sein würde,
er wollte anscheinend unter keinen Umständen als Störenfried erscheinen.
Dass er mir das unter diesen Umständen sagte, beweist mir unbedingt,
dass auch von ihm aus etwas wie echte Liebe da war; von ihr aus
war es nicht zu verheimlichen. Sie ist nur wegen ihm diese schauer-
lichen Monate in der Stadt geblieben, um ihn zu versorgen und alles
zu erreichen, was einer geschickten Frau an Erleichterungen zu bekommen
möglich war. Und zu dieser unbedingten Tapferkeit, wie ich sie an
ihr in diesen Wochen erlebt habe, ist nur eine Frau fähig, die einen
Mann liebhat. Aus der Äusserung vom Albrecht habe ich aber doch
gesehen, dass er ein heimliches Glück gehabt hat - und das macht
mich etwas froh. Jedenfalls bin ich I. Sch. für Alles dankbar, was
sie dem Albrecht gegeben hat - er hat ja sonst, ausser von mir,
nicht viel Wärme in seine Zelle bekommen.
Wenn ich wohlbehalten zu Euch komme, hoffe ich einmal
Gelegenheit zu haben, an I. Sch. einen Teil der Dankesschuld abtragen
zu können. Ich habe sie sehr hoch schätzen gelernt.
Blatt 4. - 7 -
Ich habe vom Bürgermeister Tiergarten einen Ausweis, der
meine Haft und meine Heimkehr-Absicht bestätigt. Was ich in Berlin
zu tun hatte, d.h. alles in den Sachen Albrecht’s zu tun, was möglich
wäre - ist getan. Ultra mortem - ist nichts mehr zu tun. Ich würde
mich noch gern weiter um I. Sch. kümmern, für die die Welt sehr arm
geworden zu sein scheint. Ich glaube, ich kann wirkliche Trauer er-
kennen. Ich kann aber nur mehr versuchen, meinen Kameradenkreis
ihr zur Verfügung zu stellen, damit es wenigstens äusserlich für sie
erträglich wird.
Und dann hab‘ ich nur den einen Willen, zu Dir und
den Kindern heimzukommen. Q.D.B.V. [= quod Deus bene vertat, lat., was Gott zum Besten wenden möge. Quelle: Herders Conversations-Lexikon.]
Dein Heinz.
Nachtrag. Wir haben nun doch ein Einzelgrab für den Albrecht bekommen
auf dem Friedhof der Johanniskirche in Moabit. Begraben hat ihn
dort Pfarrer Hitzigrath. Er liegt im neuen, 1945 dazugenommenen Teil
hinten in der rechten Ecke. -
Nachtrag vom 11. VI. Heut soll ein Lastwagen nach Wittenberg gehen,
mit dem ich mitfahren kann. Hoffentlich klappt es, und hoffentlich
darf ich die Demarkationslinie passieren! - Und kümmert Euch um
Irmgard Sch., so gut Ihr könnt. - Die 80 Sonnette vom Albrecht
sollen hier gedruckt oder verfielfältigt werden, als Vermächtnis. -
2 Kinder von I. Sch. sind in Hittisau [Österreich], Kinderheim Mit Hall[enbad - lt. Google]
kümmert Euch um sie, sobald es geht.
H.

Brief von Heinz Haushofer an seine Frau Luise über die Ermordung von Häftlingen auf dem ULAP-Gelände vom 12. Mai 1945 Privatbesitz
Berlin, 12. V. 1945. Gut aufheben!
Liebste Frau,
ich bereite mich innnerlich und äusserlich darauf vor,
in den nächsten Tagen Berlin zu verlassen, um mich auf die Wande-
rung in die Heimat zu begeben. Wie lange ich brauchen werde,
wann und wo ich eine Bahn benützen kann, weiss ich nicht. Nach
dem mit dieser Wanderung doch ein kleines Wagnis verbunden ist,
hinterlasse ich diesen Brief bei Irmgard Schnuhr, die ihn absende
wird, sobald es möglich ist, damit die Nachrichten, die ich Euch zu
geben habe, mit grösster Wahrscheinlichkeit durchkommen.
Ich gebe im Folgenden einen sachlichen Erlebnisbericht,
und diesen so gedrängt als möglich.
Ich war bis zur Nacht vom 22./23. April mit dem
Albrecht zusammen im Gefängnis Lehrterstrasse in Moabit, in jenem
einen Flügel, den die Gestapo noch als „Sonderabteilung“ dort inne
hatte. Zu dieser Zeit hatte das Gefängnis schon Artillerietreffer be-
kommen, die Kämpfe zogen sich näher. Das Gefängnis wurde infol-
gedessen geträumt, und ich bekam meinen Entlassungsschein am
22.IV. spät abends, sodass ich die Nacht vom 22. auf 23. noch im
Gefängnis übernachtete - wir schliefen wegen des Beschusses schon im
Keller. Am 23. ganz früh verliess ich das Gefängnis und ging zu-
erst in die Meinekestrasse zu Otto, dessen Wohnung ich verlassen
fand. Ich hörte dann von Irmgard Schnuhr, dass er nicht in Ber-
- 2 -
lin, sondern irgendwo in Süddeutschland war. Daraufhin ging ich in
die Thomasius-Str. 5, zu Irmgard Schnuhr, wo ich rührend aufge-
nommen und verpflegt wurde und bis heute blieb. Ich will gleich
zu Ende berichten, dass die Thomasius-Strasse bald in die deutsche Haupt-
kampflinie geriet. Die Hausgemeinschaft schlief wegen des dauernden
Artilleriebeschusses im Keller, das Haus selbst bekam 3 Treffer, davon zu
Glück ein Blindgänger. Aus der deutschen kamen wir dann am 28.
in die russische Hauptkampflinie und erhielten deutschen Artilleriebeschuss
bis zur Einstellung der Kampfhandlungen.
Den Albrecht hatte ich in der Nacht vom 22./23. gesehen.
Er stand mit 7 weiteren Häftlingen im Keller, während ich mit meiner
Partei der zu Entlassenden meine Papiere bekam - es hiess, diese 8 sollten
in die Prinz-Albrechtstrasse, d.h. in die Zentrale der Gestapo, verlegt werden.
Das schien bei der Annäherung der Front auch verständlich; wir ver-
abschiedeten uns guter Dinge und ich sagte ihm, dass er mich ent-
weder bei Otto oder bei Frau Schnuhr erreichen würde.
Daraufhin hörte ich von Albrecht nichts mehr bis zum
10. Mai. Inzwischen hatten Irmgard Schnuhr und ich getan, was uns
möglich war: wir waren schon am Tag nach meiner Entlassung, d.h.
am 24.IV. wieder ins Gefängnis gelaufen, unter dauerndem Beschuss,
um festzustellen, ob der Albrecht wirklich dort weg sei - was sich
bestätigte. I. Sch. liess sich auch durch einen Einschlag einer Granate
etwa 20 m von uns nicht davon abbringen, wie ich überhaupt auch
in den folgenden Tagen ihre bedingungslose Tapferkeit respektieren
gelernt habe. Gleichfalls in heftigem Beschuss lief sie noch zum
Blatt 2.
Anwalt vom Albrecht, um ihn über die neue Lage zu informieren. Doch wa-
ren die Zustände schon so in Auflösung, dass er wahrscheinlich zu nichts
mehr gekommen ist. Unmittelbar nach der Eroberung der Innenstadt durch
die Rote Armee waren wir auch in den Ruinen der Prinz-Albrecht-Strasse,
ohne über das Schicksal von evt. Häftlingen der Gestapo etwas erfahren
zu können.
Erst am 10. V., als ich zum ersten Mal Kameraden, d.h.
Mit-Häftlinge im Westen aufsuchte, hörte ich gerüchtweise von einem
Mord an Häftlingen aus dem Gefängnis Lehrterstrasse, dem angeblich
ein junger KPD-Mann entkommen sei. Diesen, Herbert Kosney, haben
wir am 11. V. in seiner Wohnung, Berlin N 58, Hagenauer-Str. 17 besucht.
Er hatte einen Pistolen-Einschuss im Genick und einen Ausschuss durch
die Backe und war also wie durch ein Wunder dem Genickschuss-T[?]
entkommen.
Er gab uns folgendes zu Protokoll und hat es auch für uns
unterschrieben:
Er wurde in der Nacht vom 22./23. mit einer Reihe von an-
deren Häftlingen aus der Zelle geholt, um angeblich verlegt zu werden.
Unter diesen war auch der Albrecht, den er erstens mit Namen als
„Professor Haushofer“ hatte aufrufen hören, und den er durch mehrere
kurze Gefängnis-Unterhaltungen persönlich kannte. Sie empfingen ihr
Gepäck, ihre Wertsachen und Dokumente, über deren Empfang sie quittie-
ren mussten. Ausserhalb des Gefängnisses wurden sie von einem feld-
marschmässig ausgerüsteten SS-Kommando in Empfang genommen;
bei Fluchtversuch würde geschossen. Gepäck, Wertsachen und Dokumente
- 4 -
mussten wieder abgegeben, das Gepäck auf einen Kübelwagen verladen wer-
den. Dann wurden sie zu Fuss vom Gefängnis das kurze Ende der Lehr-
terstrasse über die Invalidenstrasse in einem Komplex von teils halbfertigen, teils zerstörten Ge-
bäuden geführt. Hinter jedem Häftling ging ein SS-Mann. Auf das
Kommando „Fertig-Los“ bekam jeder Gefangene den Genickschuss, auch
mein Gewährsmann. Dieser hatte sich aber eben umgesehen, sodass der
Schuss nicht tötlich war und er bei Bewusstsein blieb. Er liess sich
fallen und stellte sich tot. Er hörte noch, wie diejenigen, die sich rühr-
ten oder schrien, durch weitere Schüsse erledigt wurden. Dann rückte das
Kommando ab, „sie hätten in dieser Nacht noch mehr zu tun“. Er hätte
sich dann nach Hause schleppen können. Dass alle übrigen tot seien, sei
für ihn ausser Zweifel.
Auf Grund der Beschreibung der Örtlichkeit sahen I. Sch. und
ich am 11. V. Leichen in diesem Gebäudekomplex, den wir aber wegen
militärischer Bewachung noch nicht betreten konnten. Das war uns
erst am 12. V. in Begleitung des Herrn Ziemer vom Bürgermeisteramt
Berlin-Tiergarten möglich. Der Albrecht lag mit noch 7 Kameraden
an der Stelle, wo er ermordet worden war. Ich konnte von diesen
7 alle bis auf einen identifizieren, und will sie auf alle Fälle
festhalten: Oberstlt. Munzinger, der in der Abwehr eingesetzt war;
Graf Salviati, Offizier, den Rang weiss ich nicht; Moll, ein Deutsch-
Argentinier mit Argentinischem Pass; Oberst Stehle aus Berlin, Sasimo
anscheinend ein Angehöriger der Roten Armee, in Uniform.
Der Albrecht lag friedlich auf der Seite, als ob er eben zu-
sammengefallen wäre. Anzeichen für einen Todeskampf waren nicht
Blatt 3. - 5 -
zu sehen, der Tod scheint augenblicklich gewesen zu sein. In seiner Tasche
hatte er seine Abschrift der 80 Sonnette, die er im Gefängnis geschrieben
hatte und ein Thomas-Morus-Fragment, an dem er zuletzt gearbeitet
hatte. (Eine zweite Abschrift der Sonnette von seiner Hand hatte er einige Tage vor mei-
ner Entlassung mir zukommen lassen - ich werde die Sonnette also in 1 Expl.
auf meine Wanderung nehmen, ein weiteres Expl. behält I. Schn., eine 3.,
von mir gemachte Abschrift bleibt im Kreis der Moabiter Kameraden als
Vermächtnis, zu Händen von Herrn von Reclam, Berlin-Chlbg., Reichs-
strasse 31.)
Der Albrecht wird nun am 13. V. auf dem Begräbnisplatz im
„Kleinen Tiergarten“ in einer Reihe mit den ermordeten Kameraden bei-
gesetzten, sodass er evt. nach Eintritt entsprechender Verkehrsmöglichkeiten
exhumiert werden könnte. Ob er es wollte, ist eine andere Frage. Auf
alle Fälle wünschte ich ihm eine Tafel auf unserem Friedhof.
Zum Schluss ist zu sagen, dass es gegen die Durchführung
dieser gemeinen, rechtlosen und das Licht scheuenden nächtlichen
Metzgerei wohl keine Mittel gab. Der Albrecht und die Kameraden hatten
keine Möglichkeit der Gegenwehr, und auch wir kamen ja mit Allem
zu spät, und es wäre auch alles Weitere zu spät gekommen, was wir
noch hätten unternehmen können - wenn die Auflösung in Berlin
nicht schon so weit fortgeschritten worden wäre. Ich will nur noch die
Namen der Verantwortlichen an diesem Gefangenen-Mord festhalten:
die Entscheidung traf der Stellvertreter von Kaltenbrunner, SS-Gruppen-
führer Müller, bei dem am 22. in der Wohnung eine Dienstbe-
- 6 -
sprechung in dieser Sache stattfand. Der verantwortliche Gefängniskommandant
war SS-Untersturmführer Albrecht. Wer das „Rollkommando“ befehligte, weiss le[ider?]
niemand. -
Nun noch ein menschliches Kapitel, auf das ich grossen Wert
lege. Als ich den Albrecht im Gefängnis einmal nach I. Sch. fragen konnte,
deutete er mir mit wenigen Worten, aber ganz unmissverständlich, an,
dass zwischen ihm und I. Sch. mehr bestünde, als nur die Kameradschaft
zwischen Professor und Assistentin. Seine Vorsicht hat ihn wohl zurück-
gehalten, solange bis die Ehe von I. Sch. endgültig getrennt sein würde,
er wollte anscheinend unter keinen Umständen als Störenfried erscheinen.
Dass er mir das unter diesen Umständen sagte, beweist mir unbedingt,
dass auch von ihm aus etwas wie echte Liebe da war; von ihr aus
war es nicht zu verheimlichen. Sie ist nur wegen ihm diese schauer-
lichen Monate in der Stadt geblieben, um ihn zu versorgen und alles
zu erreichen, was einer geschickten Frau an Erleichterungen zu bekommen
möglich war. Und zu dieser unbedingten Tapferkeit, wie ich sie an
ihr in diesen Wochen erlebt habe, ist nur eine Frau fähig, die einen
Mann liebhat. Aus der Äusserung vom Albrecht habe ich aber doch
gesehen, dass er ein heimliches Glück gehabt hat - und das macht
mich etwas froh. Jedenfalls bin ich I. Sch. für Alles dankbar, was
sie dem Albrecht gegeben hat - er hat ja sonst, ausser von mir,
nicht viel Wärme in seine Zelle bekommen.
Wenn ich wohlbehalten zu Euch komme, hoffe ich einmal
Gelegenheit zu haben, an I. Sch. einen Teil der Dankesschuld abtragen
zu können. Ich habe sie sehr hoch schätzen gelernt.
Blatt 4. - 7 -
Ich habe vom Bürgermeister Tiergarten einen Ausweis, der
meine Haft und meine Heimkehr-Absicht bestätigt. Was ich in Berlin
zu tun hatte, d.h. alles in den Sachen Albrecht’s zu tun, was möglich
wäre - ist getan. Ultra mortem - ist nichts mehr zu tun. Ich würde
mich noch gern weiter um I. Sch. kümmern, für die die Welt sehr arm
geworden zu sein scheint. Ich glaube, ich kann wirkliche Trauer er-
kennen. Ich kann aber nur mehr versuchen, meinen Kameradenkreis
ihr zur Verfügung zu stellen, damit es wenigstens äusserlich für sie
erträglich wird.
Und dann hab‘ ich nur den einen Willen, zu Dir und
den Kindern heimzukommen. Q.D.B.V. [= quod Deus bene vertat, lat., was Gott zum Besten wenden möge. Quelle: Herders Conversations-Lexikon.]
Dein Heinz.
Nachtrag. Wir haben nun doch ein Einzelgrab für den Albrecht bekommen
auf dem Friedhof der Johanniskirche in Moabit. Begraben hat ihn
dort Pfarrer Hitzigrath. Er liegt im neuen, 1945 dazugenommenen Teil
hinten in der rechten Ecke. -
Nachtrag vom 11. VI. Heut soll ein Lastwagen nach Wittenberg gehen,
mit dem ich mitfahren kann. Hoffentlich klappt es, und hoffentlich
darf ich die Demarkationslinie passieren! - Und kümmert Euch um
Irmgard Sch., so gut Ihr könnt. - Die 80 Sonnette vom Albrecht
sollen hier gedruckt oder verfielfältigt werden, als Vermächtnis. -
2 Kinder von I. Sch. sind in Hittisau [Österreich], Kinderheim Mit Hall[enbad - lt. Google]
kümmert Euch um sie, sobald es geht.
H.

Brief von Heinz Haushofer an seine Frau Luise über die Ermordung von Häftlingen auf dem ULAP-Gelände vom 12. Mai 1945 Privatbesitz
Berlin, 12. V. 1945. Gut aufheben!
Liebste Frau,
ich bereite mich innnerlich und äusserlich darauf vor,
in den nächsten Tagen Berlin zu verlassen, um mich auf die Wande-
rung in die Heimat zu begeben. Wie lange ich brauchen werde,
wann und wo ich eine Bahn benützen kann, weiss ich nicht. Nach
dem mit dieser Wanderung doch ein kleines Wagnis verbunden ist,
hinterlasse ich diesen Brief bei Irmgard Schnuhr, die ihn absende
wird, sobald es möglich ist, damit die Nachrichten, die ich Euch zu
geben habe, mit grösster Wahrscheinlichkeit durchkommen.
Ich gebe im Folgenden einen sachlichen Erlebnisbericht,
und diesen so gedrängt als möglich.
Ich war bis zur Nacht vom 22./23. April mit dem
Albrecht zusammen im Gefängnis Lehrterstrasse in Moabit, in jenem
einen Flügel, den die Gestapo noch als „Sonderabteilung“ dort inne
hatte. Zu dieser Zeit hatte das Gefängnis schon Artillerietreffer be-
kommen, die Kämpfe zogen sich näher. Das Gefängnis wurde infol-
gedessen geträumt, und ich bekam meinen Entlassungsschein am
22.IV. spät abends, sodass ich die Nacht vom 22. auf 23. noch im
Gefängnis übernachtete - wir schliefen wegen des Beschusses schon im
Keller. Am 23. ganz früh verliess ich das Gefängnis und ging zu-
erst in die Meinekestrasse zu Otto, dessen Wohnung ich verlassen
fand. Ich hörte dann von Irmgard Schnuhr, dass er nicht in Ber-
- 2 -
lin, sondern irgendwo in Süddeutschland war. Daraufhin ging ich in
die Thomasius-Str. 5, zu Irmgard Schnuhr, wo ich rührend aufge-
nommen und verpflegt wurde und bis heute blieb. Ich will gleich
zu Ende berichten, dass die Thomasius-Strasse bald in die deutsche Haupt-
kampflinie geriet. Die Hausgemeinschaft schlief wegen des dauernden
Artilleriebeschusses im Keller, das Haus selbst bekam 3 Treffer, davon zu
Glück ein Blindgänger. Aus der deutschen kamen wir dann am 28.
in die russische Hauptkampflinie und erhielten deutschen Artilleriebeschuss
bis zur Einstellung der Kampfhandlungen.
Den Albrecht hatte ich in der Nacht vom 22./23. gesehen.
Er stand mit 7 weiteren Häftlingen im Keller, während ich mit meiner
Partei der zu Entlassenden meine Papiere bekam - es hiess, diese 8 sollten
in die Prinz-Albrechtstrasse, d.h. in die Zentrale der Gestapo, verlegt werden.
Das schien bei der Annäherung der Front auch verständlich; wir ver-
abschiedeten uns guter Dinge und ich sagte ihm, dass er mich ent-
weder bei Otto oder bei Frau Schnuhr erreichen würde.
Daraufhin hörte ich von Albrecht nichts mehr bis zum
10. Mai. Inzwischen hatten Irmgard Schnuhr und ich getan, was uns
möglich war: wir waren schon am Tag nach meiner Entlassung, d.h.
am 24.IV. wieder ins Gefängnis gelaufen, unter dauerndem Beschuss,
um festzustellen, ob der Albrecht wirklich dort weg sei - was sich
bestätigte. I. Sch. liess sich auch durch einen Einschlag einer Granate
etwa 20 m von uns nicht davon abbringen, wie ich überhaupt auch
in den folgenden Tagen ihre bedingungslose Tapferkeit respektieren
gelernt habe. Gleichfalls in heftigem Beschuss lief sie noch zum
Blatt 2.
Anwalt vom Albrecht, um ihn über die neue Lage zu informieren. Doch wa-
ren die Zustände schon so in Auflösung, dass er wahrscheinlich zu nichts
mehr gekommen ist. Unmittelbar nach der Eroberung der Innenstadt durch
die Rote Armee waren wir auch in den Ruinen der Prinz-Albrecht-Strasse,
ohne über das Schicksal von evt. Häftlingen der Gestapo etwas erfahren
zu können.
Erst am 10. V., als ich zum ersten Mal Kameraden, d.h.
Mit-Häftlinge im Westen aufsuchte, hörte ich gerüchtweise von einem
Mord an Häftlingen aus dem Gefängnis Lehrterstrasse, dem angeblich
ein junger KPD-Mann entkommen sei. Diesen, Herbert Kosney, haben
wir am 11. V. in seiner Wohnung, Berlin N 58, Hagenauer-Str. 17 besucht.
Er hatte einen Pistolen-Einschuss im Genick und einen Ausschuss durch
die Backe und war also wie durch ein Wunder dem Genickschuss-T[?]
entkommen.
Er gab uns folgendes zu Protokoll und hat es auch für uns
unterschrieben:
Er wurde in der Nacht vom 22./23. mit einer Reihe von an-
deren Häftlingen aus der Zelle geholt, um angeblich verlegt zu werden.
Unter diesen war auch der Albrecht, den er erstens mit Namen als
„Professor Haushofer“ hatte aufrufen hören, und den er durch mehrere
kurze Gefängnis-Unterhaltungen persönlich kannte. Sie empfingen ihr
Gepäck, ihre Wertsachen und Dokumente, über deren Empfang sie quittie-
ren mussten. Ausserhalb des Gefängnisses wurden sie von einem feld-
marschmässig ausgerüsteten SS-Kommando in Empfang genommen;
bei Fluchtversuch würde geschossen. Gepäck, Wertsachen und Dokumente
- 4 -
mussten wieder abgegeben, das Gepäck auf einen Kübelwagen verladen wer-
den. Dann wurden sie zu Fuss vom Gefängnis das kurze Ende der Lehr-
terstrasse über die Invalidenstrasse in einem Komplex von teils halbfertigen, teils zerstörten Ge-
bäuden geführt. Hinter jedem Häftling ging ein SS-Mann. Auf das
Kommando „Fertig-Los“ bekam jeder Gefangene den Genickschuss, auch
mein Gewährsmann. Dieser hatte sich aber eben umgesehen, sodass der
Schuss nicht tötlich war und er bei Bewusstsein blieb. Er liess sich
fallen und stellte sich tot. Er hörte noch, wie diejenigen, die sich rühr-
ten oder schrien, durch weitere Schüsse erledigt wurden. Dann rückte das
Kommando ab, „sie hätten in dieser Nacht noch mehr zu tun“. Er hätte
sich dann nach Hause schleppen können. Dass alle übrigen tot seien, sei
für ihn ausser Zweifel.
Auf Grund der Beschreibung der Örtlichkeit sahen I. Sch. und
ich am 11. V. Leichen in diesem Gebäudekomplex, den wir aber wegen
militärischer Bewachung noch nicht betreten konnten. Das war uns
erst am 12. V. in Begleitung des Herrn Ziemer vom Bürgermeisteramt
Berlin-Tiergarten möglich. Der Albrecht lag mit noch 7 Kameraden
an der Stelle, wo er ermordet worden war. Ich konnte von diesen
7 alle bis auf einen identifizieren, und will sie auf alle Fälle
festhalten: Oberstlt. Munzinger, der in der Abwehr eingesetzt war;
Graf Salviati, Offizier, den Rang weiss ich nicht; Moll, ein Deutsch-
Argentinier mit Argentinischem Pass; Oberst Stehle aus Berlin, Sasimo
anscheinend ein Angehöriger der Roten Armee, in Uniform.
Der Albrecht lag friedlich auf der Seite, als ob er eben zu-
sammengefallen wäre. Anzeichen für einen Todeskampf waren nicht
Blatt 3. - 5 -
zu sehen, der Tod scheint augenblicklich gewesen zu sein. In seiner Tasche
hatte er seine Abschrift der 80 Sonnette, die er im Gefängnis geschrieben
hatte und ein Thomas-Morus-Fragment, an dem er zuletzt gearbeitet
hatte. (Eine zweite Abschrift der Sonnette von seiner Hand hatte er einige Tage vor mei-
ner Entlassung mir zukommen lassen - ich werde die Sonnette also in 1 Expl.
auf meine Wanderung nehmen, ein weiteres Expl. behält I. Schn., eine 3.,
von mir gemachte Abschrift bleibt im Kreis der Moabiter Kameraden als
Vermächtnis, zu Händen von Herrn von Reclam, Berlin-Chlbg., Reichs-
strasse 31.)
Der Albrecht wird nun am 13. V. auf dem Begräbnisplatz im
„Kleinen Tiergarten“ in einer Reihe mit den ermordeten Kameraden bei-
gesetzten, sodass er evt. nach Eintritt entsprechender Verkehrsmöglichkeiten
exhumiert werden könnte. Ob er es wollte, ist eine andere Frage. Auf
alle Fälle wünschte ich ihm eine Tafel auf unserem Friedhof.
Zum Schluss ist zu sagen, dass es gegen die Durchführung
dieser gemeinen, rechtlosen und das Licht scheuenden nächtlichen
Metzgerei wohl keine Mittel gab. Der Albrecht und die Kameraden hatten
keine Möglichkeit der Gegenwehr, und auch wir kamen ja mit Allem
zu spät, und es wäre auch alles Weitere zu spät gekommen, was wir
noch hätten unternehmen können - wenn die Auflösung in Berlin
nicht schon so weit fortgeschritten worden wäre. Ich will nur noch die
Namen der Verantwortlichen an diesem Gefangenen-Mord festhalten:
die Entscheidung traf der Stellvertreter von Kaltenbrunner, SS-Gruppen-
führer Müller, bei dem am 22. in der Wohnung eine Dienstbe-
- 6 -
sprechung in dieser Sache stattfand. Der verantwortliche Gefängniskommandant
war SS-Untersturmführer Albrecht. Wer das „Rollkommando“ befehligte, weiss le[ider?]
niemand. -
Nun noch ein menschliches Kapitel, auf das ich grossen Wert
lege. Als ich den Albrecht im Gefängnis einmal nach I. Sch. fragen konnte,
deutete er mir mit wenigen Worten, aber ganz unmissverständlich, an,
dass zwischen ihm und I. Sch. mehr bestünde, als nur die Kameradschaft
zwischen Professor und Assistentin. Seine Vorsicht hat ihn wohl zurück-
gehalten, solange bis die Ehe von I. Sch. endgültig getrennt sein würde,
er wollte anscheinend unter keinen Umständen als Störenfried erscheinen.
Dass er mir das unter diesen Umständen sagte, beweist mir unbedingt,
dass auch von ihm aus etwas wie echte Liebe da war; von ihr aus
war es nicht zu verheimlichen. Sie ist nur wegen ihm diese schauer-
lichen Monate in der Stadt geblieben, um ihn zu versorgen und alles
zu erreichen, was einer geschickten Frau an Erleichterungen zu bekommen
möglich war. Und zu dieser unbedingten Tapferkeit, wie ich sie an
ihr in diesen Wochen erlebt habe, ist nur eine Frau fähig, die einen
Mann liebhat. Aus der Äusserung vom Albrecht habe ich aber doch
gesehen, dass er ein heimliches Glück gehabt hat - und das macht
mich etwas froh. Jedenfalls bin ich I. Sch. für Alles dankbar, was
sie dem Albrecht gegeben hat - er hat ja sonst, ausser von mir,
nicht viel Wärme in seine Zelle bekommen.
Wenn ich wohlbehalten zu Euch komme, hoffe ich einmal
Gelegenheit zu haben, an I. Sch. einen Teil der Dankesschuld abtragen
zu können. Ich habe sie sehr hoch schätzen gelernt.
Blatt 4. - 7 -
Ich habe vom Bürgermeister Tiergarten einen Ausweis, der
meine Haft und meine Heimkehr-Absicht bestätigt. Was ich in Berlin
zu tun hatte, d.h. alles in den Sachen Albrecht’s zu tun, was möglich
wäre - ist getan. Ultra mortem - ist nichts mehr zu tun. Ich würde
mich noch gern weiter um I. Sch. kümmern, für die die Welt sehr arm
geworden zu sein scheint. Ich glaube, ich kann wirkliche Trauer er-
kennen. Ich kann aber nur mehr versuchen, meinen Kameradenkreis
ihr zur Verfügung zu stellen, damit es wenigstens äusserlich für sie
erträglich wird.
Und dann hab‘ ich nur den einen Willen, zu Dir und
den Kindern heimzukommen. Q.D.B.V. [= quod Deus bene vertat, lat., was Gott zum Besten wenden möge. Quelle: Herders Conversations-Lexikon.]
Dein Heinz.
Nachtrag. Wir haben nun doch ein Einzelgrab für den Albrecht bekommen
auf dem Friedhof der Johanniskirche in Moabit. Begraben hat ihn
dort Pfarrer Hitzigrath. Er liegt im neuen, 1945 dazugenommenen Teil
hinten in der rechten Ecke. -
Nachtrag vom 11. VI. Heut soll ein Lastwagen nach Wittenberg gehen,
mit dem ich mitfahren kann. Hoffentlich klappt es, und hoffentlich
darf ich die Demarkationslinie passieren! - Und kümmert Euch um
Irmgard Sch., so gut Ihr könnt. - Die 80 Sonnette vom Albrecht
sollen hier gedruckt oder verfielfältigt werden, als Vermächtnis. -
2 Kinder von I. Sch. sind in Hittisau [Österreich], Kinderheim Mit Hall[enbad - lt. Google]
kümmert Euch um sie, sobald es geht.
H.

Brief von Heinz Haushofer an seine Frau Luise über die Ermordung von Häftlingen auf dem ULAP-Gelände vom 12. Mai 1945 Privatbesitz
Berlin, 12. V. 1945. Gut aufheben!
Liebste Frau,
ich bereite mich innnerlich und äusserlich darauf vor,
in den nächsten Tagen Berlin zu verlassen, um mich auf die Wande-
rung in die Heimat zu begeben. Wie lange ich brauchen werde,
wann und wo ich eine Bahn benützen kann, weiss ich nicht. Nach
dem mit dieser Wanderung doch ein kleines Wagnis verbunden ist,
hinterlasse ich diesen Brief bei Irmgard Schnuhr, die ihn absende
wird, sobald es möglich ist, damit die Nachrichten, die ich Euch zu
geben habe, mit grösster Wahrscheinlichkeit durchkommen.
Ich gebe im Folgenden einen sachlichen Erlebnisbericht,
und diesen so gedrängt als möglich.
Ich war bis zur Nacht vom 22./23. April mit dem
Albrecht zusammen im Gefängnis Lehrterstrasse in Moabit, in jenem
einen Flügel, den die Gestapo noch als „Sonderabteilung“ dort inne
hatte. Zu dieser Zeit hatte das Gefängnis schon Artillerietreffer be-
kommen, die Kämpfe zogen sich näher. Das Gefängnis wurde infol-
gedessen geträumt, und ich bekam meinen Entlassungsschein am
22.IV. spät abends, sodass ich die Nacht vom 22. auf 23. noch im
Gefängnis übernachtete - wir schliefen wegen des Beschusses schon im
Keller. Am 23. ganz früh verliess ich das Gefängnis und ging zu-
erst in die Meinekestrasse zu Otto, dessen Wohnung ich verlassen
fand. Ich hörte dann von Irmgard Schnuhr, dass er nicht in Ber-
- 2 -
lin, sondern irgendwo in Süddeutschland war. Daraufhin ging ich in
die Thomasius-Str. 5, zu Irmgard Schnuhr, wo ich rührend aufge-
nommen und verpflegt wurde und bis heute blieb. Ich will gleich
zu Ende berichten, dass die Thomasius-Strasse bald in die deutsche Haupt-
kampflinie geriet. Die Hausgemeinschaft schlief wegen des dauernden
Artilleriebeschusses im Keller, das Haus selbst bekam 3 Treffer, davon zu
Glück ein Blindgänger. Aus der deutschen kamen wir dann am 28.
in die russische Hauptkampflinie und erhielten deutschen Artilleriebeschuss
bis zur Einstellung der Kampfhandlungen.
Den Albrecht hatte ich in der Nacht vom 22./23. gesehen.
Er stand mit 7 weiteren Häftlingen im Keller, während ich mit meiner
Partei der zu Entlassenden meine Papiere bekam - es hiess, diese 8 sollten
in die Prinz-Albrechtstrasse, d.h. in die Zentrale der Gestapo, verlegt werden.
Das schien bei der Annäherung der Front auch verständlich; wir ver-
abschiedeten uns guter Dinge und ich sagte ihm, dass er mich ent-
weder bei Otto oder bei Frau Schnuhr erreichen würde.
Daraufhin hörte ich von Albrecht nichts mehr bis zum
10. Mai. Inzwischen hatten Irmgard Schnuhr und ich getan, was uns
möglich war: wir waren schon am Tag nach meiner Entlassung, d.h.
am 24.IV. wieder ins Gefängnis gelaufen, unter dauerndem Beschuss,
um festzustellen, ob der Albrecht wirklich dort weg sei - was sich
bestätigte. I. Sch. liess sich auch durch einen Einschlag einer Granate
etwa 20 m von uns nicht davon abbringen, wie ich überhaupt auch
in den folgenden Tagen ihre bedingungslose Tapferkeit respektieren
gelernt habe. Gleichfalls in heftigem Beschuss lief sie noch zum
Blatt 2.
Anwalt vom Albrecht, um ihn über die neue Lage zu informieren. Doch wa-
ren die Zustände schon so in Auflösung, dass er wahrscheinlich zu nichts
mehr gekommen ist. Unmittelbar nach der Eroberung der Innenstadt durch
die Rote Armee waren wir auch in den Ruinen der Prinz-Albrecht-Strasse,
ohne über das Schicksal von evt. Häftlingen der Gestapo etwas erfahren
zu können.
Erst am 10. V., als ich zum ersten Mal Kameraden, d.h.
Mit-Häftlinge im Westen aufsuchte, hörte ich gerüchtweise von einem
Mord an Häftlingen aus dem Gefängnis Lehrterstrasse, dem angeblich
ein junger KPD-Mann entkommen sei. Diesen, Herbert Kosney, haben
wir am 11. V. in seiner Wohnung, Berlin N 58, Hagenauer-Str. 17 besucht.
Er hatte einen Pistolen-Einschuss im Genick und einen Ausschuss durch
die Backe und war also wie durch ein Wunder dem Genickschuss-T[?]
entkommen.
Er gab uns folgendes zu Protokoll und hat es auch für uns
unterschrieben:
Er wurde in der Nacht vom 22./23. mit einer Reihe von an-
deren Häftlingen aus der Zelle geholt, um angeblich verlegt zu werden.
Unter diesen war auch der Albrecht, den er erstens mit Namen als
„Professor Haushofer“ hatte aufrufen hören, und den er durch mehrere
kurze Gefängnis-Unterhaltungen persönlich kannte. Sie empfingen ihr
Gepäck, ihre Wertsachen und Dokumente, über deren Empfang sie quittie-
ren mussten. Ausserhalb des Gefängnisses wurden sie von einem feld-
marschmässig ausgerüsteten SS-Kommando in Empfang genommen;
bei Fluchtversuch würde geschossen. Gepäck, Wertsachen und Dokumente
- 4 -
mussten wieder abgegeben, das Gepäck auf einen Kübelwagen verladen wer-
den. Dann wurden sie zu Fuss vom Gefängnis das kurze Ende der Lehr-
terstrasse über die Invalidenstrasse in einem Komplex von teils halbfertigen, teils zerstörten Ge-
bäuden geführt. Hinter jedem Häftling ging ein SS-Mann. Auf das
Kommando „Fertig-Los“ bekam jeder Gefangene den Genickschuss, auch
mein Gewährsmann. Dieser hatte sich aber eben umgesehen, sodass der
Schuss nicht tötlich war und er bei Bewusstsein blieb. Er liess sich
fallen und stellte sich tot. Er hörte noch, wie diejenigen, die sich rühr-
ten oder schrien, durch weitere Schüsse erledigt wurden. Dann rückte das
Kommando ab, „sie hätten in dieser Nacht noch mehr zu tun“. Er hätte
sich dann nach Hause schleppen können. Dass alle übrigen tot seien, sei
für ihn ausser Zweifel.
Auf Grund der Beschreibung der Örtlichkeit sahen I. Sch. und
ich am 11. V. Leichen in diesem Gebäudekomplex, den wir aber wegen
militärischer Bewachung noch nicht betreten konnten. Das war uns
erst am 12. V. in Begleitung des Herrn Ziemer vom Bürgermeisteramt
Berlin-Tiergarten möglich. Der Albrecht lag mit noch 7 Kameraden
an der Stelle, wo er ermordet worden war. Ich konnte von diesen
7 alle bis auf einen identifizieren, und will sie auf alle Fälle
festhalten: Oberstlt. Munzinger, der in der Abwehr eingesetzt war;
Graf Salviati, Offizier, den Rang weiss ich nicht; Moll, ein Deutsch-
Argentinier mit Argentinischem Pass; Oberst Stehle aus Berlin, Sasimo
anscheinend ein Angehöriger der Roten Armee, in Uniform.
Der Albrecht lag friedlich auf der Seite, als ob er eben zu-
sammengefallen wäre. Anzeichen für einen Todeskampf waren nicht
Blatt 3. - 5 -
zu sehen, der Tod scheint augenblicklich gewesen zu sein. In seiner Tasche
hatte er seine Abschrift der 80 Sonnette, die er im Gefängnis geschrieben
hatte und ein Thomas-Morus-Fragment, an dem er zuletzt gearbeitet
hatte. (Eine zweite Abschrift der Sonnette von seiner Hand hatte er einige Tage vor mei-
ner Entlassung mir zukommen lassen - ich werde die Sonnette also in 1 Expl.
auf meine Wanderung nehmen, ein weiteres Expl. behält I. Schn., eine 3.,
von mir gemachte Abschrift bleibt im Kreis der Moabiter Kameraden als
Vermächtnis, zu Händen von Herrn von Reclam, Berlin-Chlbg., Reichs-
strasse 31.)
Der Albrecht wird nun am 13. V. auf dem Begräbnisplatz im
„Kleinen Tiergarten“ in einer Reihe mit den ermordeten Kameraden bei-
gesetzten, sodass er evt. nach Eintritt entsprechender Verkehrsmöglichkeiten
exhumiert werden könnte. Ob er es wollte, ist eine andere Frage. Auf
alle Fälle wünschte ich ihm eine Tafel auf unserem Friedhof.
Zum Schluss ist zu sagen, dass es gegen die Durchführung
dieser gemeinen, rechtlosen und das Licht scheuenden nächtlichen
Metzgerei wohl keine Mittel gab. Der Albrecht und die Kameraden hatten
keine Möglichkeit der Gegenwehr, und auch wir kamen ja mit Allem
zu spät, und es wäre auch alles Weitere zu spät gekommen, was wir
noch hätten unternehmen können - wenn die Auflösung in Berlin
nicht schon so weit fortgeschritten worden wäre. Ich will nur noch die
Namen der Verantwortlichen an diesem Gefangenen-Mord festhalten:
die Entscheidung traf der Stellvertreter von Kaltenbrunner, SS-Gruppen-
führer Müller, bei dem am 22. in der Wohnung eine Dienstbe-
- 6 -
sprechung in dieser Sache stattfand. Der verantwortliche Gefängniskommandant
war SS-Untersturmführer Albrecht. Wer das „Rollkommando“ befehligte, weiss le[ider?]
niemand. -
Nun noch ein menschliches Kapitel, auf das ich grossen Wert
lege. Als ich den Albrecht im Gefängnis einmal nach I. Sch. fragen konnte,
deutete er mir mit wenigen Worten, aber ganz unmissverständlich, an,
dass zwischen ihm und I. Sch. mehr bestünde, als nur die Kameradschaft
zwischen Professor und Assistentin. Seine Vorsicht hat ihn wohl zurück-
gehalten, solange bis die Ehe von I. Sch. endgültig getrennt sein würde,
er wollte anscheinend unter keinen Umständen als Störenfried erscheinen.
Dass er mir das unter diesen Umständen sagte, beweist mir unbedingt,
dass auch von ihm aus etwas wie echte Liebe da war; von ihr aus
war es nicht zu verheimlichen. Sie ist nur wegen ihm diese schauer-
lichen Monate in der Stadt geblieben, um ihn zu versorgen und alles
zu erreichen, was einer geschickten Frau an Erleichterungen zu bekommen
möglich war. Und zu dieser unbedingten Tapferkeit, wie ich sie an
ihr in diesen Wochen erlebt habe, ist nur eine Frau fähig, die einen
Mann liebhat. Aus der Äusserung vom Albrecht habe ich aber doch
gesehen, dass er ein heimliches Glück gehabt hat - und das macht
mich etwas froh. Jedenfalls bin ich I. Sch. für Alles dankbar, was
sie dem Albrecht gegeben hat - er hat ja sonst, ausser von mir,
nicht viel Wärme in seine Zelle bekommen.
Wenn ich wohlbehalten zu Euch komme, hoffe ich einmal
Gelegenheit zu haben, an I. Sch. einen Teil der Dankesschuld abtragen
zu können. Ich habe sie sehr hoch schätzen gelernt.
Blatt 4. - 7 -
Ich habe vom Bürgermeister Tiergarten einen Ausweis, der
meine Haft und meine Heimkehr-Absicht bestätigt. Was ich in Berlin
zu tun hatte, d.h. alles in den Sachen Albrecht’s zu tun, was möglich
wäre - ist getan. Ultra mortem - ist nichts mehr zu tun. Ich würde
mich noch gern weiter um I. Sch. kümmern, für die die Welt sehr arm
geworden zu sein scheint. Ich glaube, ich kann wirkliche Trauer er-
kennen. Ich kann aber nur mehr versuchen, meinen Kameradenkreis
ihr zur Verfügung zu stellen, damit es wenigstens äusserlich für sie
erträglich wird.
Und dann hab‘ ich nur den einen Willen, zu Dir und
den Kindern heimzukommen. Q.D.B.V. [= quod Deus bene vertat, lat., was Gott zum Besten wenden möge. Quelle: Herders Conversations-Lexikon.]
Dein Heinz.
Nachtrag. Wir haben nun doch ein Einzelgrab für den Albrecht bekommen
auf dem Friedhof der Johanniskirche in Moabit. Begraben hat ihn
dort Pfarrer Hitzigrath. Er liegt im neuen, 1945 dazugenommenen Teil
hinten in der rechten Ecke. -
Nachtrag vom 11. VI. Heut soll ein Lastwagen nach Wittenberg gehen,
mit dem ich mitfahren kann. Hoffentlich klappt es, und hoffentlich
darf ich die Demarkationslinie passieren! - Und kümmert Euch um
Irmgard Sch., so gut Ihr könnt. - Die 80 Sonnette vom Albrecht
sollen hier gedruckt oder verfielfältigt werden, als Vermächtnis. -
2 Kinder von I. Sch. sind in Hittisau [Österreich], Kinderheim Mit Hall[enbad - lt. Google]
kümmert Euch um sie, sobald es geht.
H.

Brief von Heinz Haushofer an seine Frau Luise über die Ermordung von Häftlingen auf dem ULAP-Gelände vom 12. Mai 1945 Privatbesitz
Berlin, 12. V. 1945. Gut aufheben!
Liebste Frau,
ich bereite mich innnerlich und äusserlich darauf vor,
in den nächsten Tagen Berlin zu verlassen, um mich auf die Wande-
rung in die Heimat zu begeben. Wie lange ich brauchen werde,
wann und wo ich eine Bahn benützen kann, weiss ich nicht. Nach
dem mit dieser Wanderung doch ein kleines Wagnis verbunden ist,
hinterlasse ich diesen Brief bei Irmgard Schnuhr, die ihn absende
wird, sobald es möglich ist, damit die Nachrichten, die ich Euch zu
geben habe, mit grösster Wahrscheinlichkeit durchkommen.
Ich gebe im Folgenden einen sachlichen Erlebnisbericht,
und diesen so gedrängt als möglich.
Ich war bis zur Nacht vom 22./23. April mit dem
Albrecht zusammen im Gefängnis Lehrterstrasse in Moabit, in jenem
einen Flügel, den die Gestapo noch als „Sonderabteilung“ dort inne
hatte. Zu dieser Zeit hatte das Gefängnis schon Artillerietreffer be-
kommen, die Kämpfe zogen sich näher. Das Gefängnis wurde infol-
gedessen geträumt, und ich bekam meinen Entlassungsschein am
22.IV. spät abends, sodass ich die Nacht vom 22. auf 23. noch im
Gefängnis übernachtete - wir schliefen wegen des Beschusses schon im
Keller. Am 23. ganz früh verliess ich das Gefängnis und ging zu-
erst in die Meinekestrasse zu Otto, dessen Wohnung ich verlassen
fand. Ich hörte dann von Irmgard Schnuhr, dass er nicht in Ber-
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lin, sondern irgendwo in Süddeutschland war. Daraufhin ging ich in
die Thomasius-Str. 5, zu Irmgard Schnuhr, wo ich rührend aufge-
nommen und verpflegt wurde und bis heute blieb. Ich will gleich
zu Ende berichten, dass die Thomasius-Strasse bald in die deutsche Haupt-
kampflinie geriet. Die Hausgemeinschaft schlief wegen des dauernden
Artilleriebeschusses im Keller, das Haus selbst bekam 3 Treffer, davon zu
Glück ein Blindgänger. Aus der deutschen kamen wir dann am 28.
in die russische Hauptkampflinie und erhielten deutschen Artilleriebeschuss
bis zur Einstellung der Kampfhandlungen.
Den Albrecht hatte ich in der Nacht vom 22./23. gesehen.
Er stand mit 7 weiteren Häftlingen im Keller, während ich mit meiner
Partei der zu Entlassenden meine Papiere bekam - es hiess, diese 8 sollten
in die Prinz-Albrechtstrasse, d.h. in die Zentrale der Gestapo, verlegt werden.
Das schien bei der Annäherung der Front auch verständlich; wir ver-
abschiedeten uns guter Dinge und ich sagte ihm, dass er mich ent-
weder bei Otto oder bei Frau Schnuhr erreichen würde.
Daraufhin hörte ich von Albrecht nichts mehr bis zum
10. Mai. Inzwischen hatten Irmgard Schnuhr und ich getan, was uns
möglich war: wir waren schon am Tag nach meiner Entlassung, d.h.
am 24.IV. wieder ins Gefängnis gelaufen, unter dauerndem Beschuss,
um festzustellen, ob der Albrecht wirklich dort weg sei - was sich
bestätigte. I. Sch. liess sich auch durch einen Einschlag einer Granate
etwa 20 m von uns nicht davon abbringen, wie ich überhaupt auch
in den folgenden Tagen ihre bedingungslose Tapferkeit respektieren
gelernt habe. Gleichfalls in heftigem Beschuss lief sie noch zum
Blatt 2.
Anwalt vom Albrecht, um ihn über die neue Lage zu informieren. Doch wa-
ren die Zustände schon so in Auflösung, dass er wahrscheinlich zu nichts
mehr gekommen ist. Unmittelbar nach der Eroberung der Innenstadt durch
die Rote Armee waren wir auch in den Ruinen der Prinz-Albrecht-Strasse,
ohne über das Schicksal von evt. Häftlingen der Gestapo etwas erfahren
zu können.
Erst am 10. V., als ich zum ersten Mal Kameraden, d.h.
Mit-Häftlinge im Westen aufsuchte, hörte ich gerüchtweise von einem
Mord an Häftlingen aus dem Gefängnis Lehrterstrasse, dem angeblich
ein junger KPD-Mann entkommen sei. Diesen, Herbert Kosney, haben
wir am 11. V. in seiner Wohnung, Berlin N 58, Hagenauer-Str. 17 besucht.
Er hatte einen Pistolen-Einschuss im Genick und einen Ausschuss durch
die Backe und war also wie durch ein Wunder dem Genickschuss-T[?]
entkommen.
Er gab uns folgendes zu Protokoll und hat es auch für uns
unterschrieben:
Er wurde in der Nacht vom 22./23. mit einer Reihe von an-
deren Häftlingen aus der Zelle geholt, um angeblich verlegt zu werden.
Unter diesen war auch der Albrecht, den er erstens mit Namen als
„Professor Haushofer“ hatte aufrufen hören, und den er durch mehrere
kurze Gefängnis-Unterhaltungen persönlich kannte. Sie empfingen ihr
Gepäck, ihre Wertsachen und Dokumente, über deren Empfang sie quittie-
ren mussten. Ausserhalb des Gefängnisses wurden sie von einem feld-
marschmässig ausgerüsteten SS-Kommando in Empfang genommen;
bei Fluchtversuch würde geschossen. Gepäck, Wertsachen und Dokumente
- 4 -
mussten wieder abgegeben, das Gepäck auf einen Kübelwagen verladen wer-
den. Dann wurden sie zu Fuss vom Gefängnis das kurze Ende der Lehr-
terstrasse über die Invalidenstrasse in einem Komplex von teils halbfertigen, teils zerstörten Ge-
bäuden geführt. Hinter jedem Häftling ging ein SS-Mann. Auf das
Kommando „Fertig-Los“ bekam jeder Gefangene den Genickschuss, auch
mein Gewährsmann. Dieser hatte sich aber eben umgesehen, sodass der
Schuss nicht tötlich war und er bei Bewusstsein blieb. Er liess sich
fallen und stellte sich tot. Er hörte noch, wie diejenigen, die sich rühr-
ten oder schrien, durch weitere Schüsse erledigt wurden. Dann rückte das
Kommando ab, „sie hätten in dieser Nacht noch mehr zu tun“. Er hätte
sich dann nach Hause schleppen können. Dass alle übrigen tot seien, sei
für ihn ausser Zweifel.
Auf Grund der Beschreibung der Örtlichkeit sahen I. Sch. und
ich am 11. V. Leichen in diesem Gebäudekomplex, den wir aber wegen
militärischer Bewachung noch nicht betreten konnten. Das war uns
erst am 12. V. in Begleitung des Herrn Ziemer vom Bürgermeisteramt
Berlin-Tiergarten möglich. Der Albrecht lag mit noch 7 Kameraden
an der Stelle, wo er ermordet worden war. Ich konnte von diesen
7 alle bis auf einen identifizieren, und will sie auf alle Fälle
festhalten: Oberstlt. Munzinger, der in der Abwehr eingesetzt war;
Graf Salviati, Offizier, den Rang weiss ich nicht; Moll, ein Deutsch-
Argentinier mit Argentinischem Pass; Oberst Stehle aus Berlin, Sasimo
anscheinend ein Angehöriger der Roten Armee, in Uniform.
Der Albrecht lag friedlich auf der Seite, als ob er eben zu-
sammengefallen wäre. Anzeichen für einen Todeskampf waren nicht
Blatt 3. - 5 -
zu sehen, der Tod scheint augenblicklich gewesen zu sein. In seiner Tasche
hatte er seine Abschrift der 80 Sonnette, die er im Gefängnis geschrieben
hatte und ein Thomas-Morus-Fragment, an dem er zuletzt gearbeitet
hatte. (Eine zweite Abschrift der Sonnette von seiner Hand hatte er einige Tage vor mei-
ner Entlassung mir zukommen lassen - ich werde die Sonnette also in 1 Expl.
auf meine Wanderung nehmen, ein weiteres Expl. behält I. Schn., eine 3.,
von mir gemachte Abschrift bleibt im Kreis der Moabiter Kameraden als
Vermächtnis, zu Händen von Herrn von Reclam, Berlin-Chlbg., Reichs-
strasse 31.)
Der Albrecht wird nun am 13. V. auf dem Begräbnisplatz im
„Kleinen Tiergarten“ in einer Reihe mit den ermordeten Kameraden bei-
gesetzten, sodass er evt. nach Eintritt entsprechender Verkehrsmöglichkeiten
exhumiert werden könnte. Ob er es wollte, ist eine andere Frage. Auf
alle Fälle wünschte ich ihm eine Tafel auf unserem Friedhof.
Zum Schluss ist zu sagen, dass es gegen die Durchführung
dieser gemeinen, rechtlosen und das Licht scheuenden nächtlichen
Metzgerei wohl keine Mittel gab. Der Albrecht und die Kameraden hatten
keine Möglichkeit der Gegenwehr, und auch wir kamen ja mit Allem
zu spät, und es wäre auch alles Weitere zu spät gekommen, was wir
noch hätten unternehmen können - wenn die Auflösung in Berlin
nicht schon so weit fortgeschritten worden wäre. Ich will nur noch die
Namen der Verantwortlichen an diesem Gefangenen-Mord festhalten:
die Entscheidung traf der Stellvertreter von Kaltenbrunner, SS-Gruppen-
führer Müller, bei dem am 22. in der Wohnung eine Dienstbe-
- 6 -
sprechung in dieser Sache stattfand. Der verantwortliche Gefängniskommandant
war SS-Untersturmführer Albrecht. Wer das „Rollkommando“ befehligte, weiss le[ider?]
niemand. -
Nun noch ein menschliches Kapitel, auf das ich grossen Wert
lege. Als ich den Albrecht im Gefängnis einmal nach I. Sch. fragen konnte,
deutete er mir mit wenigen Worten, aber ganz unmissverständlich, an,
dass zwischen ihm und I. Sch. mehr bestünde, als nur die Kameradschaft
zwischen Professor und Assistentin. Seine Vorsicht hat ihn wohl zurück-
gehalten, solange bis die Ehe von I. Sch. endgültig getrennt sein würde,
er wollte anscheinend unter keinen Umständen als Störenfried erscheinen.
Dass er mir das unter diesen Umständen sagte, beweist mir unbedingt,
dass auch von ihm aus etwas wie echte Liebe da war; von ihr aus
war es nicht zu verheimlichen. Sie ist nur wegen ihm diese schauer-
lichen Monate in der Stadt geblieben, um ihn zu versorgen und alles
zu erreichen, was einer geschickten Frau an Erleichterungen zu bekommen
möglich war. Und zu dieser unbedingten Tapferkeit, wie ich sie an
ihr in diesen Wochen erlebt habe, ist nur eine Frau fähig, die einen
Mann liebhat. Aus der Äusserung vom Albrecht habe ich aber doch
gesehen, dass er ein heimliches Glück gehabt hat - und das macht
mich etwas froh. Jedenfalls bin ich I. Sch. für Alles dankbar, was
sie dem Albrecht gegeben hat - er hat ja sonst, ausser von mir,
nicht viel Wärme in seine Zelle bekommen.
Wenn ich wohlbehalten zu Euch komme, hoffe ich einmal
Gelegenheit zu haben, an I. Sch. einen Teil der Dankesschuld abtragen
zu können. Ich habe sie sehr hoch schätzen gelernt.
Blatt 4. - 7 -
Ich habe vom Bürgermeister Tiergarten einen Ausweis, der
meine Haft und meine Heimkehr-Absicht bestätigt. Was ich in Berlin
zu tun hatte, d.h. alles in den Sachen Albrecht’s zu tun, was möglich
wäre - ist getan. Ultra mortem - ist nichts mehr zu tun. Ich würde
mich noch gern weiter um I. Sch. kümmern, für die die Welt sehr arm
geworden zu sein scheint. Ich glaube, ich kann wirkliche Trauer er-
kennen. Ich kann aber nur mehr versuchen, meinen Kameradenkreis
ihr zur Verfügung zu stellen, damit es wenigstens äusserlich für sie
erträglich wird.
Und dann hab‘ ich nur den einen Willen, zu Dir und
den Kindern heimzukommen. Q.D.B.V. [= quod Deus bene vertat, lat., was Gott zum Besten wenden möge. Quelle: Herders Conversations-Lexikon.]
Dein Heinz.
Nachtrag. Wir haben nun doch ein Einzelgrab für den Albrecht bekommen
auf dem Friedhof der Johanniskirche in Moabit. Begraben hat ihn
dort Pfarrer Hitzigrath. Er liegt im neuen, 1945 dazugenommenen Teil
hinten in der rechten Ecke. -
Nachtrag vom 11. VI. Heut soll ein Lastwagen nach Wittenberg gehen,
mit dem ich mitfahren kann. Hoffentlich klappt es, und hoffentlich
darf ich die Demarkationslinie passieren! - Und kümmert Euch um
Irmgard Sch., so gut Ihr könnt. - Die 80 Sonnette vom Albrecht
sollen hier gedruckt oder verfielfältigt werden, als Vermächtnis. -
2 Kinder von I. Sch. sind in Hittisau [Österreich], Kinderheim Mit Hall[enbad - lt. Google]
kümmert Euch um sie, sobald es geht.
H.