Reinhard Goerdeler
3. Januar 1996, Frankfurt am Main
Reinhard Goerdeler wächst als viertes Kind von Carl und Anneliese Goerdeler in Königsberg und Leipzig auf, wo sein Vater ab 1930 Oberbürgermeister ist. Er beginnt ein Jurastudium und wird kurz darauf zum Kriegsdienst eingezogen. 1941 ist er kurz in Russland stationiert, wird aber bald Verbindungsoffizier in Italien, wo er nach dem 20. Juli 1944 vom gescheiterten Umsturzversuch erfährt, an dem sein Vater und sein Onkel Fritz beteiligt waren.
Am 8. August 1944 wird er in „Sippenhaft” genommen, nach Berlin gebracht und zunächst im „Hausgefängnis” der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8 und dann im Zellengefängnis Lehrter Straße inhaftiert. Die ersten Monate wird er in Einzelhaft ohne Lese- und Schreiberlaubnis gehalten und dann als Kalfaktor eingesetzt, was ihm die Kontaktaufnahme zu anderen Häftlingen und auch zu seinem Onkel ermöglicht.
Er und sein Mitgefangener Franz von Hammerstein werden als „Sippenhäftlinge” am 1. März 1945 in das KZ Buchenwald verlegt und von dort von SS-Kommandos immer weiter nach Süden gebracht, bis in das KZ Dachau. Mitte April, bei der Evakuierung des Lagers, muss Reinhard Goerdeler sich dem „Evakuierungsmarsch” anschließen. Am 1. Mai werden die Häftlinge von der SS zurückgelassen.
Reinhard Goerdeler schafft es, sich nach Leipzig durchzuschlagen. Er setzt sein Jurastudium in Heidelberg fort und heiratet 1952 Annemarie Weber, aus der Ehe gehen drei Kinder hervor.
Als Rechtsanwalt, Wirtschaftsprüfer und -fachmann macht er in der Bundesrepublik Karriere und engagiert sich in zahlreichen Stiftungen und Verbänden. 1956 wird er in das Kuratorium des „Hilfswerks 20. Juli 1944” gewählt und gehört von 1969 bis 1996 dem Vorsitz an.
Am Sonntag, den 13. August 1944, wurde ich in das Zellengefängnis Lehrter Straße 3 überführt. Im Unterschied zur Prinz-Albrecht-Straße war die Lehrter Straße ein vor der Jahrhundertwende errichtetes Zellengefängnis in einer zentralen sternförmigen Anlage, und diese Zellen waren teilweise voller Ungeziefer. Auch in der Lehrterstraße ist mir ein Haftbefehl nie verlesen worden, und ich habe so die ersten etwa drei Monate mehr oder weniger schlecht in einer Einzelzelle verbracht. ... In den letzten Julitagen war ich noch an der Front in Italien gewesen – welch ein Unterschied zu meinem jetzigen Dasein. Die ersten Kontakte – aber erst seit etwa Oktober 1944 – bestanden einmal in der Möglichkeit eines täglichen Freigangs und eines wöchentlichen Duschens. So lernte ich nach und nach meine Zellennachbarn und -gegenüber kennen.
Aus einem Bericht von Reinhard Goerdeler über seine Haftzeit in Berlin
Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Am 1. März [1945] musste ich erleben, wie mein Onkel Fritz Goerdeler zu seiner Hinrichtung abgeholt wurde: Ich konnte ihn beim Abtransport noch einmal sehen – ob mein Blick ihn erreichte, weiß ich nicht.
Aus einem Bericht von Reinhard Goerdeler über seine Haftzeit in Berlin
Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand









