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Walter Cramer

1. Mai 1886, Leipzig
14. November 1944, Berlin-Plötzensee

Walter Cramer stammt aus einer Unter­nehmer­familie. Zunächst Pro­kurist und Teilhaber in der Firma seines Vaters in Leipzig, übernimmt er nach dem Ersten Welt­krieg die Leitung der Kamm­garn­spinnerei Gautzsch, die nach seinem Eintritt in den Vorstand in der Kamm­garn­spin­nerei Stöhr & Co. AG aufgeht. 

Zwischen Carl Goerdeler, der seit 1930 Ober­bürger­meister von Leipzig ist, und Walter Cramer ent­steht eine enge politische Freund­schaft. Cramer öffnet Goerdeler durch seine Geschäfts­kontakte Türen im In- und Ausland, über­mittelt Nach­richten und hält sich als poli­ti­scher Beauf­tragter im Wehr­kreis IV (Dresden) bereit. Zudem unter­stützt er ver­folgte jüdi­sche Ange­stellte und Geschäfts­partner in Deutschland und der Toch­terfirmen in der Tschecho­slowakei, Ungarn und Rumänien. 

Walter Cramer wird am 22. Juli 1944 fest­ge­nommen und über Leipzig und Dresden nach Berlin in den Gestapo­flügel des Zellen­gefäng­nisses Lehrter Straße 3 gebracht. Er ist Tag und Nacht gefesselt und wird während der Ver­höre schwer miss­handelt. 

Am 27. September wird Walter Cramer ins Gefängnis Tegel ver­legt. Dort kann er seine Frau Charlotte und seine Tochter Leonore am 10. November ein einziges Mal sehen, bevor er am 14. November vom „Volks­gerichts­hof” zum Tode ver­urteilt und noch am selben Tag im Straf­gefäng­nis Berlin-Plötzen­see ermor­det wird. Er gehört zu den wenigen Unter­nehmern, die Wider­stand gegen den National­sozialis­mus geleistet haben.      

Seine seltene und mensch­liche Güte und Hilfs­bereit­schaft, sein tiefes soziales Verant­wortungs­gefühl haben ihm die Liebe und Ver­ehrung seiner Mitar­beiter und der Arbeiter seiner Betriebe in einem Maße erworben, wie ich es ganz selten erlebt habe. Die innige Anteil­nahme während seiner Haft, die in vielen Anfragen und Zu­schriften aus seinen Betrieben zum Ausdruck kam, ist der beste Beweis dafür.

Gefängnisseelsorger Peter Buchholz über Walter Cramer in einem Brief an Ricarda Huch vom 16. August 1946

Quelle: Archiv der Stiftung Hilfswerk 20. Juli 1944

Tag und Nacht rücken­gefesselt verbrachte unser unglück­licher Vater in den völlig verwanz­ten, schmut­zigen Zellen der Prinz-Albrecht-Kaser­ne und im Gefängnis der Lehrter Straße eine sich endlose Zeit der Körper- und Seelen­qualen, bis er am 27.9. in das große Gefängnis von Berlin-Tegel verlegt wurde, wo die Gefange­nen nun auf ihre Verhand­lung vor dem Volks­gerichts­hof warten mußten.

Leonore Heintze, geb. Cramer, zum 100. Geburtstag ihres Vaters, 1. Mai 1986

Quelle: Archiv der Stiftung Hilfswerk 20. Juli 1944

Portrait: Walter CramerWalter Cramer